New York - Margaret Atwood gleicht einem Wirbelwind. Zart von Statur, jedoch wortgewaltig und mit einer bewundernswerten Energie fegt die Kanadierin durch alle Sparten der Literatur.

Über 50 Bücher hat sie geschrieben, an einigen der besten Universitäten gelehrt, Stiftungen gegründet und Erfindungen patentieren lassen. Atwoods Herz aber schlägt für die Natur. Wer sie gelesen hat, weiß von ihrer Sorge um den Erhalt der Arten und die daran geknüpfte Zukunft der Menschheit. Am 18. November wird Atwood 75 Jahre alt.

"Wie wahnsinnig sind wir?", schreibt die Autorin 2010 in einem Essay für "Die Welt". Und weiter: "Wir ähneln diesem Narren auf alten Cartoons, der an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, während unter ihm das schiere Nichts wartet." Als Tochter eines Insektenforschers wuchs sie in der Wildnis Kanadas auf. Das Einmaleins lernte Margaret von ihrer Mutter, einer Ernährungswissenschaftlerin. Die Schule besuchte sie erst mit zwölf.

"Ich kann Ihnen aus persönlicher Erfahrung versichern, dass das Verständnis kleiner Kinder dafür, stundenlang mucksmäuschenstill in einem Kanu zu hocken und von Moskitos angenagt zu werden, begrenzt ist", schreibt die Naturfreundin über die frühen Jahre, in denen sie mit den Eltern oft seltene Vogelarten beobachtete. Längst ist aus der Tortur der Kinderzeit eine Passion geworden, die Atwood mit ihrem Lebenspartner und Kollegen Graeme Gibson teilt.

Ob in der Arktis, den USA oder Neuseeland - überall sieht das Autorenpaar Zeichen für die Notlage von Vögeln. Der Schwund der Arten signalisiere Probleme des Ökosystems. Und ohne ein gesundes Ökosystem könne es auch keine gesunde Menschheit geben. "Wir können die Natur nicht weiter in diesem gefährlichen Tempo vertilgen, ohne uns selbst und alles andere auf dem Planeten zu töten", warnt Atwood.

Auch ihre andere Leidenschaft, die für das geschriebene Wort, begründet die Schriftstellerin mit der Kindheit in Kanadas Wäldern. In ihren ersten Lebensjahren hätten weder Spielgefährten noch das Fernsehen ihr die Zeit vertrieben. So habe sie gelesen und schon mit sechs begonnen, selbst Gedichte und Prosa zu schreiben. Noch heute sei sie "süchtig" nach Büchern. Ihr Werk umfasst je 15 Romane und Gedichtbände, zehn Sammlungen von Short Storys, Theaterstücke, Hörspiele, Opern-Libretti und Kinderbücher. Viele sind in 30 Sprachen übersetzt.

In ihren ersten beiden Romanen - "The Edible Woman" (1969; dt. 1985 "Die essbare Frau") und "Surfacing" (1972; dt. 1979 "Der lange Traum") - setzt sich Atwood mit dem Rollenbild der Frau auseinander. Mit einem Werk auf den Spuren von George Orwell überraschte sie Mitte der 1980er. "Der Report der Magd" (1987) widmet sich der modernen Versklavung der Frau durch religiöse Fundamentalisten in den USA. Regisseur Volker Schlöndorff verfilmte den literarischen Stoff 1989 zusammen mit ihr in "Die Geschichte der Dienerin".

In ihrem Zukunftsroman "Oryx und Crake" (2003) lässt Atwood ein jähes Ende der Menschheit durch die Biotechnologie herbeiführen. Sie nutzt das Szenario, um Fragen zur Umweltpolitik, Biotechnologie und den menschlichen Werten aufzuwerfen. Für den Gesellschaftsroman "Der blinde Mörder" gewann sie im Erscheinungsjahr 2000 den Booker-Preis, die höchste Ehre für englischsprachige Literatur.

Den Literaturnobelpreis verpasste sie nur knapp. Obwohl Atwood lange als Kanadas aussichtsreichste Kandidatin galt, ging die höchste Auszeichnung an ihre kanadische Kollegin und enge Freundin Alice Munro.