Frankfurt/Main - Martin Mosebach ist so etwas wie der Chronist der besseren Gesellschaft - das hat er zuletzt in seiner vergnüglichen Komödie "Was davor geschah" über das Frankfurter Großbürgertum bewiesen.

In seinem neuen Buch "Blutbuchenfest", auch für den Preis der Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März) nominiert, geht der vielfach ausgezeichnete Romancier einen Schritt weiter. Er konfrontiert einen Kreis aus Geldleuten, Immobilienhaien, Lebemännern und Weltverbesserern mit der archaisch-bäuerlichen Welt Bosniens.

Während in einer ungenannten deutschen Großstadt ein umtriebiger Geschäftemacher in Garten eines Finanzberaters die Vorbereitungen für ein großes Fest unter einer Blutbuche trifft, bricht auf dem Balkan in Jugoslawien der Bürgerkrieg aus. Als Vermittlerin zwischen den beiden Welten wählt Mosebach (62) im Roman, der zu Beginn der 1990er Jahre angesiedelt ist, die bosnische Putzfrau Ivana. Sie sorgt bei den Herrschaften für Ordnung, und macht sie zugleich um das Schicksal ihrer Familie zu Hause Sorgen.

Erzählt wird das aus der Perspektive eines Kunsthistorikers, der eine Ausstellung über einen jugoslawischen Bildhauer kuratieren soll. Im Roman ist nicht nur der Ich-Erzähler in ein dem Tod geweihten junges Mädchen unglücklich verliebt. Auch Ivana, seit ihrer Jugend ihrem aus demselben Dorf kommenden Landsmann Stipo zugeordnet, ist nicht unbedingt glücklicher.

Mosebach beschreibt diesen Reigen in seinem unnachahmlichen Stil, ironisch-elegant und mit Hilfe vieler kulturhistorischer Accessoires. Bei aller sprachlichen Raffinesse wirkt dies auch immer leicht gekünstelt, weshalb die Bücher des Frankfurter Schriftstellers stets polarisieren.

"Das Blutbuchenfest" hat aber Kritiker vor dem Erstverkaufstag aus einem anderen Grund auf den Plan gerufen. Mosebach lässt Ivana munter mit dem Handy in die Heimat telefonieren, obwohl dies damals technologisch gar nicht möglich war. Für den Roman sei dies unerheblich, hat der Autor sich verteidigt.

Man mag dies als Nebensächlichkeit abtun. Doch hinter diesem Mangel an Realismus verbirgt sich ein größeres Problem des Romans. Zwar können wohl nur wenige so süffisant eine Cocktailparty in einer großen Anwaltskanzlei beschreiben wie Mosebach im Roman. Doch wenn es darum geht, das Leben der strebsamen Einwandererin Ivana und ihrer Familie in Bosnien plastisch zu machen, wirkt Mosebachs Hang zum bildungsbürgerlichen Manierismus deplatziert und hilflos.

Zwei Kostproben: Als der Ich-Erzähler Ivana zum ersten Mal sieht, erinnert ihn die im Jogginganzug antretende Putzfrau an eine Römerin aus einem Gemälde, eine "familienbewusste, standesstolze Jung-Matrone". Später sind der Kunsthistoriker und Ivana bei den bosnischen Bauern. Dort sieht der Erzähler die alte Mutter Ivanas mit ihrem Stuhl verwachsen - und fühlt sich gleich an "römische Priesterinnen" erinnert, die auf "marmornen Thronen lehnten".

- Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest. Hanser Verlag, München, 448 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-446-24479-5.