Berlin - Von seinem Tod will eigentlich niemand etwas wissen. Noch weniger möchte man ihn in allen unerquicklichen Details geschildert bekommen. Doch genau dies tut Nito Remondo.

Niemand erzählt so schaurig, so makaber, so facettenreich vom Sterben wie er. Ob Krebs, Herzstillstand oder Alzheimer - er hat alle Geschichten auf Lager, und die Leute laufen nicht etwa schreiend davon, sondern hängen an seinen Lippen. Eh er sich versieht, wird er zum Guru des Todes, der ganze Hallen füllt.

Es ist eine ebenso skurrile wie abgründige Geschichte, die Martín Caparrós (57) in seinem Roman "Die Ewigen" erzählt. Es ist das dritte Buch des argentinischen Journalisten und Schriftstellers, das auf Deutsch erscheint. Zuletzt veröffentlichte der Berlin Verlag 2010 den Roman "Wir haben uns geirrt", in dem Caparrós die Wunden der argentinischen Gesellschaft durch die Militärdiktatur beschreibt. Eine zutiefst im Realen angesiedelte Erzählung. Dagegen weist der aktuelle Roman fast schon surreale Züge auf.

Nito Remondo hat den Zeitpunkt seiner Geburt ziemlich ungeschickt gewählt. Es ist ausgerechnet der Tag, an dem Staatschef Perón stirbt. Ganz Argentinien gibt sich der Trauer hin. Ein Neugeborener ist da nur fehl am Platz. So wird die Geburt nur im kleinsten Familienkreis gefeiert. Zu Ehren des verstorbenen Staatschefs erhält der Junge den Namen Juan Domingo, genannt Nito. Zunächst verläuft sein Leben unspektakulär. Sein Vater, ein Mechaniker, verschwindet spurlos, seine ziemlich dumme Mutter verdöst ihre Tage vor dem Fernseher mit süßlichen Telenovelas. Aus diesen Endlos-Serien lernt der Junge immerhin, wie man Geschichten erzählt.

Eines Tages erfährt er, dass sein Vater die Familie gar nicht verlassen hat, sondern bei einem Autounfall ums Leben kam. Nito schreibt dem Mann, der den tödlichen Unfall verschuldete, einen anonymen Brief, in dem er ihm seinen Tod in elf Jahren ankündigt: "Ihr Tod erscheint Ihnen fern. Doch binnen kurzem, heute Nacht, morgen, werden Sie feststellen, dass Ihre Lebenszeit jetzt in Tagen bemessen ist." Genüsslich und in allen Details erzählt er dem vor Angst schlotternden Mann, wie er einmal sterben wird.

Nitos Talent, Geschichten vom Sterben zu erzählen, bleibt nicht unbemerkt. Ein ebenso charismatischer wie windiger Priester setzt ihn dafür ein, verirrte Schäfchen für die Kirche zurückzugewinnen. Vor allem abtrünnig gewordene Männer soll er durch die plastische Schilderung ihres Sterbens in Angst und Schrecken versetzen.

Nito wälzt medizinische Bücher in Bibliotheken, informiert sich über Krankheiten und Sterbeverläufe, weiß schließlich alles über Demenz, Krebs, Schlaganfälle und Nierenversagen. Doch seine Erzählungen vom Sterben sind keine nüchternen Medizinreporte, sondern schaurig-schöne Apokalypsen, nach denen die Leute süchtig werden. "In ihrem Kopf", erzählt er etwa einem Alzheimerkranken, "herrscht ein wirres Durcheinander von sich überkreuzenden Linien, das Gekritzel eines Kindes, das den Stift mit der Faust fasst und wütend versucht, ihn auf dem Papier zu zerbrechen." Bald ist Nito kein armseliger Klinkenputzer mehr, sondern ein gefeierte Medienstar, der schließlich zum Messias eines neuen Todes-Kults aufgebaut wird.

Caparrós Geschichte ist ebenso originell wie verwegen. Selten ist über Tod und Sterben einerseits so abstoßend, andererseits aber auch so komisch geschrieben worden. Indem er immer am Rande des Grotesken entlang schlittert, nimmt der Autor dem so detailvoll ausgemalten Tod auch wieder seinen Schrecken. Seine Erzähllust verführt ihn allerdings zu zahlreichen Abschweifungen. Es dauert zu lang, bis er zum eigentlichen Höhepunkt der Geschichte vordringt. Hundert Seiten weniger hätten dem Buch nur gut getan.

- Martín Caparrós: Die Ewigen. Berlin Verlag, Berlin, 448 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-8270-1187-9.