Berlin - Am nächsten kommt Christian Irrgang dem Bundespräsidenten ganz am Schluss, bei einem Segelausflug auf der Ostsee, immer wieder verschoben wegen des schlechten Wetters oder wichtigerer Termine. Da erlebt der renommierte Fotograf den Privatmann Joachim Gauck, jedenfalls einen Teil davon.

So dicht bei ihm, schreibt Irrgang im Nachwort zu seinem prächtigen Fotoband, ist er in den zwei Jahren Begleitung eigentlich nie gewesen.

"Bürger Gauck. Unterwegs mit einem unbequemen Präsidenten": Auf 200 teils großformatigen Fotos zeigt der Bildband das elfte Staatsoberhaupt der Bundesrepublik bei der Arbeit, mit US-Präsident Barack Obama, mit der Freiheitsikone Aung San Suu Kyi, in Istanbul und Rio de Janeiro, bei Aussuchen der Krawatte am Morgen, in seinem Lieblings-Buchladen oder im Flugzeug bei einer improvisierten Pressekonferenz.

Jens König, der Büroleiter des "Stern" in Berlin, begleitet die Fotos mit einem dreiteiligen Essay über Gauck, die "Stern"-Reporterin Franziska Reich nähert sich dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt. Natürlich ist die Grundstimmung dieser Beobachtungen Sympathie, Zustimmung zu dem Menschen Gauck, der mit seiner ganz besonderen Biografie als ehemaliger DDR-Pastor und Chef der Stasi-Unterlagenbehörde so einmalig ist in der deutschen Politik.

Einen "Mann mit Charakter" nennt König den Mecklenburger Gauck, den er seit den 90er Jahren kennt. Damit sei Gauck (74) eher die Ausnahme im Berliner Politikbetrieb, dessen Hauptakteure sich zunehmend als Techniker verstünden. Beispiel Angela Merkel. Andererseits Gauck: "Als Bundeskanzler wäre der Mann ein Horror", meint König. Allerdings sagt er auch: "Gauck ist ein politischer Präsident", er wolle Debatten auslösen, könne durchaus Kritik einstecken.

Auch Franziska Reich macht kein Hehl daraus, dass sie Daniela Schadt mag. "Wie lebt es sich als First Lady, wenn man weder first noch Lady sein mag", fragt Reich. Sie hat die Lebensgefährtin Gaucks als eine Frau erlebt, die tatsächlich Antworten auf ihre Fragen haben will - "und nicht nur Kinderköpfe tätscheln". Und sie bescheinigt der 53-Jährigen "Charme und feine Ironie".

Christian Irrgang hat bereits die beiden früheren Bundespräsidenten Johannes Rau und Horst Köhler begleitet, aber auch die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle auf einer Asientournee. Warum Gauck sein Privatleben mehr als andere abschottet, wird er gefragt. Irrgang hält das vor allem für eine Konsequenz aus dem Schicksal von Gaucks Vorgänger Christian Wulff und dessen Frau Bettina. Auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden, das wolle Gauck sicher nicht.

Ob es denn in den zwei Jahren Arbeit an dem Buch eine Entwicklung gegeben habe, wird Irrgang gefragt: Da verweist er auf Gaucks Körperhaltung, am Anfang durchaus noch unsicher, manchmal verlegen, später anders: "Am Ende schreitet er." Die Bilder belegen es.

- Christian Irrgang (Fotografie), Jens König und Franziska Reich (Text): Bürger Gauck. Unterwegs mit einem unbequemen Präsidenten. Edel Books, ISBN 978-3-8419-0261-0.