Berlin - "Der polnische Boxer" ist wie ein literarisches Puzzle, in dessen Mittelpunkt die Suche nach Identität und Wahrheit stehen. Wenn der guatemaltekische Autor Eudardo Halfon als Ich-Erzähler schreibt, ist nicht immer klar, wo die Grenzen zwischen Fiktion und Autobiografischem verlaufen.

Die Fäden zwischen den Kapiteln und Personen, die anfangs noch vage und zusammenhanglos erscheinen, verweben sich beim Weiterlesen zu einem faszinierenden Geschichtennetz.

Da ist der Ich-Erzähler Eduardo, der sich vom Judentum abgewandt hat, aber fasziniert der Geschichte seines Großvaters, eines Auschwitz-Überlebenden, auf den Grund zu kommen versucht. Hat ihm der polnische Boxer, dessen Kampftechnik die SS-Wachmannschaften so begeisterte, dass sie ihn leben ließen, tatsächlich im Todestrakt von Auschwitz das Leben gerettet? Oder war der Boxer nur eine weitere Geschichte, die das Trauma erträglicher machen sollte? So wie dem Jungen Eduardo einst die tätowierten Zahlen am Unterarm des Großvaters als Telefonnummer erklärt wurden, die immer vergessen wurde?

Da ist aber auch die Geschichte des serbischen Pianisten Milan Rakic, dessen Vater ein Zigeunermusiker ist und der sich fast verzweifelt nach seiner Roma-Identität sehnt, der besessen ist von der Musik eines Volkes, dem auf dem Balkan vor allem Hass und Verachtung entgegenschlägt.

Aus der Zufallsbekanntschaft wird eine Faszination bis hin zu einer spontanen Reise Eduardos nach Belgrad auf der Suche nach dem plötzlich verschwundenen Pianisten, aber auch nach der Wahrheit hinter dessen Erzählungen

In diese Rahmengeschichte fließen Betrachtungen über Musik und Dichtung, über Liebe und Leidenschaft, über literarische Begegnungen und das Gefühl des Fremdseins pralles Leben, Einsamkeit und Identitätssuche auf gut 200 Seiten, in denen es für den Leser manche Kehrtwende und Überraschung gibt, aber auch die Einsicht, mit der der Erzähler als Literaturprofessor seine Studenten im ersten Kapitel konfrontiert: "Eine Erzählung erzählt immer zwei Geschichten. Die sichtbare Geschichte verbirgt eine geheime zweite Geschichte."

- Eduardo Halfon: Der polnische Boxer. Carl Hanser Verlag, München, 220 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 978-3-446-24599-0.