Berlin - Sie waren Teile des letzten Aufgebots, das die Nationalsozialisten der immer deutlicher nahenden Niederlage entgegen zu setzen versuchten: Flakhelfer, 15 oder 16 Jahre alte Schüler, die in den Kriegsdienst eingezogen wurden. Kindersoldaten, würde man heute sagen.

Einige mochten begeisterte Anhänger des Dritten Reichs gewesen sein, Teile einer Generation, die von frühester Jugend an in Schule und Freizeit der Indoktrinierung ausgesetzt waren.

Thomas Gnielka war so ein Flakhelfer. Seine Schulklasse aus Berlin-Spandau war nicht etwa zur Verteidigung der näheren Umgebung bei Luftangriffen eingesetzt, sondern an einem Ort, dessen Namen viele Deutsche erst nach dem Krieg kennenlernten: Flakhelfer in Auschwitz.

Schon 1952 hatte sich Gnielka mit der "Geschichte einer Klasse" das Erlebte von der Seele geschrieben, in einem lapidaren Schreibstil, der ein bisschen an den frühen Heinrich Böll oder Thomas Borchert erinnert. Nicht von ungefähr Gnielka stand in Kontakt mit der "Gruppe 47".

Doch erst jetzt, 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wurde das 80 Seiten umfassende Romanfragment veröffentlicht, zusammen mit einige Essays und Artikeln des späteren Journalisten Gnielka, der 1965 im Alter von nur 36 Jahren starb.

Das Thema Auschwitz hatte Gnielka nicht losgelassen, er interviewte Holocaust-Überlebende, stieß bei Recherchen auf eine Liste, mit der erstmals Täter konkreten NS-Verbrechen zugeordnet werden konnten. Für die Staatsanwaltschaft wurde dies eine der Grundlagen für den Frankfurter Auschwitz-Prozess.

In der literarischen Aufarbeitung dagegen ist vom Grauen von Auschwitz nur ansatzweise die Rede, im Mittelpunkt steht die Desillusionierung, das jähe Erwachsenwerden der Jugendlichen, von denen einige am Anfang vielleicht noch an ein Abenteuer glauben, andere sich vor dem Einsatz fürchten, die Angst mit Zoten und großspurigem Gehabe zu überdecken versuchen bis mit dem ersten toten Mitschüler auch dem Letzten der Ernst der Lage klar wird.

Von Heimweh ist die Rede, aber auch von Verrohung, der Erfahrung mit russischen Kriegsgefangenen und Lagerhäftlingen bis hin zu jenem Moment, als dem Erzähler bei einem Blick in ein Massengrab das ganze Ausmaß der Schrecken von Auschwitz bewusst zu werden beginnt.

Gnielka verzichtet auf sensationsheischende Darstellungen, knapp und episodenartig skizziert er die Erlebnisse, hält Distanz zu denjenigen, die weder zu den Tätern noch zu den Opfern von Auschwitz gehörten und doch mit der Last der Eindrücke fertig werden mussten.

- Thomas Gnielka: Als Kindersoldat in Auschwitz. Die Geschichte einer Klasse. CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, 182 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-86393-058-5.