Berlin - Vor sechs Jahren erfuhr David Monteagudos Leben eine spektakuläre Wende. Bis dahin arbeitete der Spanier als Mechaniker in einer Papierfabrik. Zwar hatte er schon jahrelang geschrieben, allerdings nur im Stillen.

Erst mit Mitte 40 reichte er eines seiner Manuskripte bei einem Verlag ein. Der packende Psycho-Thriller "Ende" wurde auf Anhieb ein Bestseller und in zehn Sprachen übersetzt. Inzwischen ist das Buch sogar verfilmt worden. Nun ist ein weiterer Roman Monteagudos, "Wolfsland", auf Deutsch erschienen.

"Wolfsland" ist ganz anders als das Erstlingswerk des spanischen Schriftstellers und doch auch wieder ein typischer Monteagudo. Das Buch wird man schwerlich als klassischen Thriller beschreiben können, aber auf seine Weise entwickelt es eine magische Sogkraft und Spannung, die den Leser bis zuletzt bei der Stange hält. Monteagudos besondere Fähigkeit, Reales und Surreales, Wirklichkeit und Traum kunstvoll zu miteinander zu verweben, zeichnet auch diesen Roman wieder aus und macht ihn zu einem besonderen Leseerlebnis.

"Wolfsland" spielt in Galicien, im Nordwesten Spaniens, wo der heute in Barcelona lebende Autor seine Kindheit verbrachte. Ganz offensichtlich hat Monteagudo viele persönliche Erinnerungen in das Buch eingebracht, vor allem auch in die eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen. Der Schauplatz der Handlung, Brañaganda, ist allerdings fiktiv.

Trotz seiner Nähe zum Meer ist der Ort abgeschieden und weltentrückt: "Aber die meisten Bewohner der Schlucht haben das Meer noch nie gesehen und dürfen auch nicht darauf hoffen, es jemals zu sehen. Sie leben und werkeln in den Tiefen des Tals oder auf den Feldern am Fluss, in ihrer großen Armut einzig und allein darauf bedacht, einen weiteren Tag zu überleben, abgeschnitten vom eigentlich doch so nahen Ozean durch eine Landschaft, die so rau ist wie ihre Rückständigkeit und ihre jahrhundertealte Isolation."

Zeitlich ist der Roman nicht so leicht einzuordnen. Das Leben der Dorfbewohner ist so archaisch, Technik oder Motorisierung spielen eine so geringe Rolle, dass man fast an eine vorindustrielle Zeit denken könnte. Später allerdings gibt es Hinweise auf den spanischen Bürgerkrieg, der vor einer Generation in dem Dorf wütete. Im Moment allerdings werden die Dorfbewohner durch andere Ereignisse in Angst und Schrecken versetzt: Nacheinander werden einige junge Mädchen und Frauen ermordet, meistens wenn gerade Vollmond ist. Bald macht sich Misstrauen breit: Ist der Mörder etwa einer von ihnen oder doch vielleicht ein Werwolf, wie manche abergläubische Zeitgenossen glauben?

Die Stimme der Vernunft und Aufklärung vertritt der Waldhüter und Freizeitmaler Enrique, der Mann der Dorfschullehrerin und Vater des Ich-Erzählers Orlando. Er versucht in der Art eines modernen Kriminalisten Fakten und Indizien zu sammeln, scheitert aber letztlich. Schlimmer noch: Durch sein merkwürdiges Verhalten und seine übertriebene Aufmerksamkeit gegenüber der jungen Dorfschönheit Cándida macht er sich in den Augen seines Sohnes verdächtig. In der Familie und im Dorf spitzt sich die Situation dramatisch zu.

Der Roman kann unterschiedlich gelesen werden, als ein Szenario, in dem Aberglauben und Vernunft miteinander ringen, aber auch als eine innere Traum- und Alptraumwelt eines heranwachsenden Jungen, der aus einem geborgenen Familienleben plötzlich in einen Abgrund stürzt. Alles in allem ist Monteagudo, dieser Spätberufene, für die spanische Literaturszene ein großer Gewinn. Seine Sprache ist poetisch, suggestiv und kraftvoll und fängt gleichzeitig noch feinste psychologische Schwingungen ein.

- David Monteagudo: Wolfsland, Rowohlt Verlag, Reinbek, 272 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-498-04527-2.