München - "Als der Sommer kam, der die Welt verändern sollte, drapierte ich mein Bettzeug so, dass es aussah, als läge jemand darin, öffnete das Fenster und sprang in die Nacht. Das war keine große Sache; wir wohnten im Hochparterre."

So beginnt Peter Richter das erste Buch seines autobiografischen Romans "89/90" über die Wende in der DDR. Ein solcher Einstieg hat seine Vorzüge. Denn er lässt nicht nur jene am Geschehen teilhaben, die damals wie Richter im jugendlichen Alter Weltgeschichte im Zeitraffer erlebten. Wer so beginnt, sagt dem Leser auch: Erinnert Euch an Eure eigene Jugend. Womit dieser Roman dem Leser wiederum doppelten Nutzen beschert.

Immer wieder zeigt Richter mit prägnanten Formulierungen auf, worum es ihm geht. Damit beugt er zugleich Erwartungshaltungen an einen Wende-Roman vor, die er selbst nicht erfüllen kann und erfüllen will: "Wir waren fünfzehn in dem Jahr, in dem es mit der DDR zu Ende ging, und wenn man fünfzehn ist, ist man eher an Dingen interessiert, die einem zum ersten Mal passieren", heißt es gleich zu Beginn. Auch wenn sich manche heute 40-Jährigen im Rückblick gern zu den Akteuren der friedlichen Revolution zählen möchten, der Realität dürfe das kaum entsprechen. Mit 15 hatte man in der DDR selbst im Sommer 1989 wohl andere Dinge im Kopf als die Agonie des eigenen Landes.

Daran lässt auch Richter keinen Zweifel. Zu nächtlicher Stunde im zugesperrten Freibad abhängen, von Mädchen träumen und sich ab und zu mal mit den Flics anlegen, wie Polizisten seinerzeit auch fernab der Seine an der Elbe genannt wurden. Peter Richter beschreibt, worauf es für einen Jugendlichen im Osten damals ankam: Stiefel der Marke Doc Martens waren so wichtig wie noch zehn Jahre zuvor bei Bluesfans der Parka oder die Nickelbrille, auch wenn sie nur Fensterglas enthielt. Dennoch ist Richters Generation auf ihre Art bereits politisch. Anpassung, die in der Elterngeneration in West und Ost gleichermaßen als bewährte Praxis galt, findet immer weniger statt.

"So ging einem das damals dauernd. Ständig waren plötzlich die Mädchen weg." Es ist Sommer 1989 und Tausende DDR-Bürger verlassen über Ungarn und später über die CSSR ihre Heimat: "Der Gedanke, dass die hübschesten Mädchen unserer Altersklasse ihren ersten Sex mit Poppern aus Augsburg oder Bamberg haben würden, blieb unerträglich." Doch schon bald ist Richter mit seinen Freunden mitten drin in der Revolution. Die Fahrt der Züge mit DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft, Demonstrationen in Dresden, der Fall der Mauer, das erste Mal im Westen - Richter lässt keinen der ostdeutschen Wendepunkte aus. Mehr als zwei Drittel des Romans nimmt das Jahr 1989 an.

Dann folgt auf gut 150 Seiten 1990 mit Volkskammerwahlen, Währungsunion und dem Ableben der DDR. "Mir war das persönlich eigentlich egal, ob ich kein Ostgeld oder kein Westgeld hatte. Die pädagogisch begründete Knauserigkeit meiner Eltern galt in beiden Währungen." Immer häufiger müssen Richter und seine Clique Angriffe von Neonazis abwehren. Wer mit Irokesenkamm durch Dresdens Straßen läuft, wird von Skinheads zum Freiwild erklärt. Während Eltern und Großeltern in der Neuzeit zurechtzukommen versuchen, tobt in Teilen der Jugend ein Klassenkampf. Der Autor zeigt eine Schattenseite, die heute in glorreichen Berichten über die Wende gern übersehen wird.

Mit Nachwirkungen hat der Osten bis heute zu tun, auch wenn viele Skinheads von einst nun ein bürgerliches Leben führen und auch die damaligen Punks inzwischen auf verschiedene Weise Karriere machen. Peter Richter ist Journalist geworden, hat Bücher geschrieben und arbeitet heute als Kulturkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in New York. Mit "89/90" gelingt ihm ein Roman, der dank seiner literarischen Qualität mehr als ein Zeitdokument ist. Richter besticht mit seiner Sprache, genauem Blick und Witz. So dürfte er auch junge Leser finden, die diese Zeit nur aus Erzählungen anderer kennen. Zumal viele Fußnoten das Verständnis erleichtern.

Unlängst besuchte Richter mal wieder seine Heimatstadt Dresden. Auf einer Kundgebung der islamkritischen Pegida-Bewegung hat er sich ein Bild davon machen können, was heute viele Zeitgenossen in der Elbestadt bewegt. Sein Urteil fiel bissig aus.

- Peter Richter: "89/90", Luchterhand Literaturverlag, München, 416 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-630-87462-3.