Berlin - "Arm, aber sexy" sagte der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) über Berlin. Andere sprechen vom "Aschenputtel unter Europas Hauptstädten".

Aber viele wollen trotzdem hin, vor allem junge Menschen. "An der Schönheit kann\'s nicht liegen" nennt denn auch der Schriftsteller und Wahlberliner Peter Schneider ("Lenz") sein neues Buch (Kiepenheuer & Witsch), eine kritische Liebeserklärung an die wiedervereinte deutsche Hauptstadt. Den Absurditäten der früher noch geteilten "Frontstadt" zwischen Ost und West hatte Schneider schon 1982 mit seinem "Mauerspringer" ein Buch gewidmet.

Sein neues Buch ist sicher nicht das wichtigste Werk des Schriftstellers, der am 21. April 75 Jahre alt wird. Aber es ist doch ein lesenswerter und ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich-kritischer Streifzug durch die jüngste Geschichte einer Stadt, die in den letzten 100 Jahren so extreme Wandlungen erlebt habe wie kaum eine andere Metropole, wie Schneider betont. Sie sei sicherlich "mit Abstand die hässlichste Hauptstadt, die er je gesehen habe", sagte ein italienischer Berlin-Besucher dem Autor. Und Schneider selbst erinnerte sich, Berlin und seine Bewohner in seinen ersten Jahren auch als "böse Stadt" erlebt zu haben. Dem setzt Schneider aber auch ein Wort des inzwischen verstorbenen Verlegers und Architekturkritikers Wolf Jobst Siedler ("Die gemordete Stadt") entgegen, wonach man sich immer "zwischen der Schönheit eines Ortes und seiner Lebendigkeit entscheiden" müsse.

Schneider zitiert auch das grimmige Experten-Fazit, dass Berlin zwei Mal zerstört worden sei - durch die alliierten Bomben und zum zweiten Mal durch die Abrisswut der Stadtplaner und "Untaten der Architektenzunft" der Moderne. Nichtsdestotrotz werde Berlin "in 10 oder 15 Jahren so teuer sein wie London oder New York". Das im Bau befindliche Stadtschloss als Humboldtforum verteidigt Schneider zwar als das künftige "schlagende Herz der neuen Metropole", kritisiert aber auch die "etwas blutleeren" inhaltlichen Pläne dazu, denen "das Dringliche, Leidenschaftliche und Verrückte" fehle, das doch Alexander von Humboldts Forschungen angetrieben habe.

Bemerkenswert sind auch Schneiders Erinnerungen und Anmerkungen zu den Auswirkungen des plötzlichen Vereinigungsprozesses der beiden über Jahrzehnte geteilten Stadthälften Ost und West. Bis zum Mauerfall habe die "gefühlte Mitte" der Stadt für ihn und viele seiner Freunde und Altersgenossen (aus West-Berlin) am Kudamm, an Gedächtniskirche und Tauenentzien mit den Seitenstraßen sowie Savignyplatz und KaDeWe gelegen. "So war es denn ein Schock für uns, als wir nach dem Mauerfall entdeckten, dass die neuen Wegweiser namens "Mitte" unmissverständlich nach Osten zeigten."

Dabei hatten im Vorkriegsberlin und besonders in den legendären 20er Jahren die Amüsierzentren der damaligen Reichshauptstadt schon immer im Berliner Westen gelegen, dort war die Bohème zu Hause. So seien die Orte in Christopher Isherwoods Büchern, nach denen das Musical und der Film "Cabaret" entstanden, in Charlottenburg und Schöneberg (rund um den Nollendorfplatz) angesiedelt. Da verschob sich allerdings nach dem Mauerfall mit dem aufblühenden Clubleben der neuen Technogeneration wieder vieles in den Osten und Südosten der Stadt.

Natürlich fehlen in Schneiders Berlin-Betrachtungen auch nicht die "Problembezirke" wie Neukölln oder die Gentrifizierungs- und "Schwaben"-Debatten vom Prenzlauer Berg. Von der Start-up-Szene mit ihrer vermeintlichen "neuen Bohème" hält der scheidende Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, wenn ihn Schneider befragt, recht wenig. "Wir in Neukölln sind nur eine Episode im Leben dieser jungen Gründer", meint der SPD-Politiker. "Diese Leute sind weder in der Lage noch in der Stimmung, ein neues Neukölln zu schaffen."

Und zum boomenden Szene-Stadtteil Prenzlauer Berg hat Schneider eine klare Meinung, für ihn ist das traditionsreiche Berliner Stadtviertel gerettet worden: "Allein am Zustand der Häuser hätte ein unbefangener Beobachter ablesen können, dass die DDR seit Langem vor ihrem Zusammenbruch stand." Aber Schneider warnt auch vor zu viel "Schönheits- und Sauberkeitsfimmel" im Prenzlauer Berg, wie ihn manche der zugezogenen wohlhabenden Neu-Berliner durchsetzen wollen, denn dann verliere die Stadt ihren einzigartigen Ruf, denn "An der Schönheit kann\'s nicht liegen".