Schwerin (dpa) l Gero Seelig ist mit Laptop im Museum unterwegs. Am Bildschirm klemmt eine Webcam. Der Kunstwissenschaftler richtet die kleine Kamera auf eine Szene mit würfelnden Soldaten, gemalt von Benjamin Cuyp (1612-1652). Es ist eines der vielen holländischen und flämischen Altmeister-Gemälde im Staatlichen Museum Schwerin, deren Geheimnissen Seelig auf der Spur ist.

Auf dem Monitor wird Seltsames sichtbar: Fast über die ganze Breite des Bildes ist der Faltenwurf einer Halskrause zu erkennen, außerdem ein großes Gesicht, eine Pelzmütze, ein Wams, alles kopfüber. "Spannend", murmelt Seelig. Unter der Soldaten-Szene aus dem 17. Jahrhundert, die zur jüngst erhaltenen Schenkung des Berliner Sammlers Christoph Müller gehört, befindet sich ein anderes Bild, ein Porträt. Der Kleidung des Abgebildeten nach zu urteilen, stammt es aus dem 16. Jahrhundert.

Es ist kein Einzelfall: Unter einer "Lustigen Bauernszene" von Jan Molenaer d.J. (1610-1668) fand Seelig ebenfalls ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert. Die lesende Frauenfigur ist wohl die Darstellung einer biblischen Erzählung. "Die Holztafel stammt vermutlich von einem Altar und ist von Molenaer nach mehr als 100 Jahren neu bemalt worden", sagt der Forscher.

Seelig hat seine Billig-Webcam aus dem Elektromarkt ein bisschen manipuliert, um sie für die kunsthistorische Forschung nutzen zu können. Auf die Idee brachte ihn der Physikdidaktiker Helmuth Grötzebauch. Er hatte einen Filter aus der handelsüblichen Kamera aus- und einen anderen eingebaut. Fertig war die Infrarot-Kamera, mit der man durch Schichten von Ölfarbe hindurchsehen kann.

Die Infrarot-Reflektografie wird in der kunstgeschichtlichen Forschung seit langem genutzt, um Unterzeichnungen oder Übermalungen sichtbar zu machen. Das Spannende für Seelig und möglicherweise viele seiner Kollegen ist die Entdeckung, dass es so einfach und billig gehen kann.

Eine Infrarot-Untersuchung kann großartige Irrtümer aufklären. So geschehen bei einem Hauptwerk des niederländischen Malers Hendrick Terbrugghen (1588-1629), der "Befreiung Petri aus dem Gefängnis", das ebenfalls in Schwerin hängt. Bei der Restaurierung dieses großformatigen Gemäldes vor einigen Jahren fiel ein länglicher, heller Schatten links oben im Bild auf. Nach langen Diskussionen unter Kunstwissenschaftlern und Restauratoren interpretierte man es als eine im Lauf der Jahrhunderte nachgedunkelte Andeutung eines Architekturbogens und beschloss, dieses Element bei der Restaurierung wieder deutlicher erkennbar werden zu lassen. Die Infrarot-Kamera enthüllte eine andere Geschichte: Terbrugghen malte die "Befreiung Petri" auf ein anderes Gemälde, zuvor hatte er es auf den Kopf gestellt. Die "Architektur" entpuppte sich als das durchschimmernde Schienbein einer Figur.