Leipzig (epd) l Die Sehnsucht manifestiert sich in blauem Denim, Nieten und dem unverkennbaren Logo einer Levis. Praktisch unerreichbar ist sie für die meisten jungen Menschen in der DDR, zumindest für jene, die keine Verwandten in der Bundesrepublik oder West-Mark für einen Einkauf im Intershop haben. Heute ist die Levis 501 überall zu haben und zugleich eine von rund 1000 Ausstellungsstücken im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Unter dem Titel "The American Way" wird dort bis Mitte Oktober das Verhältnis der Deutschen zu den USA beleuchtet - auch jenseits des Eisernen Vorhangs.

"Es war für mich unvorstellbar, eine DDR-Jeans zu tragen", erzählt Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Museums. Er ist Historiker, Professor für Politikwissenschaft und - als Jahrgang 1950 - eben auch Zeitzeuge, der gern davon berichtet, wie er mit seinem neuen Parka und Levis-Jeans an einem heißen Augusttag an den Badestrand gefahren ist und mit seiner Kleidung angeben konnte.

Er erinnere sich auch gut an die Konzerte in den späten 80er Jahren, Bruce Springsteen und Bob Dylan in Ostberlin, die Menschen "dicht gedrängt", eine "extreme Fülle", berichtet Eckert. Die Jugend jubelte den Rock-Idolen des Westens zu, in aller Öffentlichkeit und nicht nur versteckt im heimischen Kinderzimmer. Sie hätten alle gehofft, Dylan würde auch "etwas Politisches" sagen, erzählt der Direktor. Als dies dann nicht der Fall war, sei es "schon enttäuschend gewesen".

Wie nah Freizeit, Alltag und Politik das Verhältnis der Bürger in der DDR zu den USA bestimmten, thematisiert die Ausstellung anhand von ganz unterschiedlichen Exponaten. Neben der Jeans, Bildern von den Konzerten oder einem "Rollbrett", dem Skateboard der DDR-Jugend, wird auch die antiamerikanische Propaganda aufgezeigt.

Plakate bebildern die Ablehnung des Marshall-Plans für die Sowjetzone, ein großes Feindbild ist auch der Radiosender RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor), dem Spionage im sozialistischen Staat vorgeworfen wird. "Amerikanische Kulturbarbarei" habe das Schillerhaus in Weimar zerstört, steht in einem Fotoalbum aus den frühen Jahren der DDR. Und auf einem Bettlaken bezeugen im Jahr 1968 zahlreiche Bürger ihre Solidarität mit dem "kämpfenden vietnamesischen Volk".

Nicht alle Menschen habe die antiamerikanische Propaganda in der DDR erreicht, doch manche nun eben doch, sagt Museumsdirektor Eckert. Und diese sei mitunter über Jahrzehnte hinweg in den Familien weitergegeben worden. Er sei besorgt über auch heute noch vorhandenen Antiamerikanismus in Deutschland - auch im Westen, sagt Eckert. Schließlich verbinde die Deutschen eine "Wertegemeinschaft" mit den USA, die es zu bewahren und zu stärken gelte.

Trotz dieser gemeinsamen Werte zeigt die Ausstellung aber auch, wie unterschiedlich das Verhältnis der Deutschen zu den Amerikanern in den vergangenen 70 Jahren war. Die Schau beginnt mit dunklen Bildern, Bomben über Großstädten, Leichen in Konzentrationslagern. Die USA treten als Sieger auf, ihre Care-Pakete sichern zahlreichen Familien im Westen das Überleben. Später schwappt der Konsum über den Atlantik: Waschmaschinen für die Hausfrauen, Comics für die Kinder. Mit dem Vietnam-Krieg und der 68er-Bewegung wird schließlich auch in Westdeutschland Kritik an den USA laut.

"Es gibt kaum ein Land, das so polarisiert und so viele Emotionen weckt wie die USA", meint Projektleiter Hanno Sowade. Die Beziehung der Deutschen zu den USA gleiche häufig "Wellenbewegungen", erklärt er. Dies zeigen vor allem die späteren Stationen der Ausstellung: Auf die große Anteilnahme nach dem Terroranschlag vom 11. September folgt die Ablehnung des Irak-Krieges, Euphorie für den neuen Präsidenten Barack Obama und Kritik am NSA-Spionage-Skandal. Der Schaukasten zum Whistleblower Edward Snowden ist kurzfristig neu für die Ausstellung entstanden. Schließlich sei das deutsch-amerikanische Verhältnis im steten Wandel, sagt Museumsdirektor Eckert.

Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen.

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