München (dpa) l Fast nirgendwo auf der Welt hat der englische Dramatiker über Jahrhunderte eine so wichtige Rolle gespielt wie in Deutschland. "Auf den deutschen Theatern ist jedes Jahr Shakespeare-Jahr", sagt der Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, Tobias Döring. Auch die Gesellschaft hat in diesem Jahr ein Jubiläum und wird 150 Jahre alt.

In der jüngsten Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins liegt Shakespeare vor den großen deutschen Klassikern und verweist die Gebrüder Grimm, Kleist, Goethe und auch Brecht auf die Plätze. Drei Shakespeare-Werke sind unter den Stücken, die in der Saison 2011/12 am häufigsten an deutschen Bühnen inszeniert wurden: "Hamlet" auf Platz neun, "Romeo und Julia" auf vier und "Ein Sommernachtstraum" auf Platz zwei. Shakespeares berühmte Komödie musste sich nur dem deutschen Klassiker schlechthin geschlagen geben: Goethes "Faust".

"Man kann sagen, dass die Deutschen sich spätestens seit dem 18. Jahrhundert immer wieder mit Shakespeare über ihre eigene Geschichte verständigt haben. Es ist immer wieder der "Hamlet", der hervorgenommen wird, um die Wendepunkte unserer eigenen Geschichte zu inszenieren", sagt Döring.

Shakespeare lässt alles mit sich machen

Shakespeare wurde hierzulande zu so etwas wie einem "deutschen Ehrenklassiker". Im 19. Jahrhundert, als die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft gegründet wurde, habe Deutschland den Briten ihren Shakespeare nicht gegönnt. "Es gab da so eine Art Annexion", sagt Döring.

Doch die Begeisterung war in den vergangenen Jahrhunderten nicht ungebrochen. "Shakespeare lässt ja alles mit sich machen. Er kann sich nicht wehren und er muss sich auch gar nicht wehren. Es gab viele Shakespeare-Verächter und Kritiker, die sich von ihm lossagen wollten, das ging aber nicht so leicht." Döring zitiert den DDR-Dramatiker Heiner Müller, der 1988 sagte: "Wir sind nicht bei uns angekommen, so lange Shakespeare unsere Stücke schreibt."

Angefangen mit Goethe in der Weimarer Klassik setzen Dichter sich immer wieder mit Shakespeare und vor allem mit seinem "Hamlet" auseinander, sagt Döring, der Professor für Anglistik und Amerikanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ist. Den Gipfel erreichte der Kult im 19. Jahrhundert im Ausruf des Vormärz-Dichters Ferdinand Freiligrath: "Deutschland ist Hamlet". Damals sollte das heißen: Der Traum von Freiheit sucht die Deutschen immer wieder heim - wie der Geist im "Hamlet". Hamlet als Sinnbild für verhinderte deutsche Revolutionen.

Shakespeare ist nicht nur für Feingeister

150 Jahre später dann schloss sich der Kreis - ausgerechnet mit eben jenem Heiner Müller, der die Unabhängigkeit von Shakespeare forderte. Der Regisseur befand sich in den Proben zu seinem Theaterprojekt "Hamlet / Hamletmaschine", als er mit Schauspielern wie Ulrich Mühe, seinem "Hamlet"-Darsteller, am 4. November zu einer Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz aufrief. Fünf Tage später fiel die Mauer. "Requiem für einen Staat" nannte der "Spiegel" Müllers "Hamlet"-Inszenierung nach ihrer Premiere im Frühjahr 1990.

"Es ist schon etwas unheimlich: Auch während der Wende spielte der \\\'Hamlet\\\' wieder eine zentrale Rolle", sagt Döring und er geht noch weiter: "Shakespeare begleitet uns seit 250 Jahren in einer so intensiven Weise, dass eine Verständigung über unsere eigene Gegenwart ohne ihn gar nicht auskommt."

Den großen Erfolg Shakespeares in Deutschland führt Döring vor allem darauf zurück, dass seine Stücke nicht nur etwas für Feingeister und die Hochkultur sind. "Diesen Stücken wohnt immer etwas unglaublich Populäres, etwas Volkstümliches inne", sagt Döring. "Es gibt jede Menge Schweinereien und ziemlich saftige Obszönitäten. Das finden Sie bei Goethe und Schiller so nicht." Darum sei die Mitgliedschaft der Shakespeare-Gesellschaft auch deutlich durchmischter als bei anderen literarischen Gesellschaften üblich, sagt Döring. "Shakespeare hat Sexappeal, Shakespeare ist Pop, Shakespeare ist Rock."