Magdeburg l Ulrike Theisen erzählt gern Geschichten. Zum Beispiel vom Aufbau der großen Otto-Ausstellung vor zwei Jahren. Wie sie den britischen und den französischen Kurier unbedingt zur gleichen Zeit bestellen musste, weil die gemeinsame Vitrine nur vor beider Augen versiegelt werden durfte. Oder wie jemand den Koffer mit dem teuersten Stück der Schau - ein Gebetsbuch Karls des Kahlen im zweistelligen Millionenwert - an seinen Arm gefesselt brachte. Solche Geschichten sind es, mit denen die 43-Jährige längst vergangenen Zeiten Leben einhaucht.

Das macht sie nicht nur, wenn sie mit der Presse spricht. Vor allem erzählt sie Geschichten mit den Ausstellungen, die sie vorbereitet. Unter den sechs Kuratoren am Kulturhistorischen Museum kümmert sie sich um alles Frühgeschichtliche - also von der Urgeschichte bis zum Frühen Mittelalter. Mehr als 250.000 Stücke aus dieser Epoche lagern im Museumsdepot. Krüge, Waffen, Schmuck - alles steht oder liegt in langen Metallschränken mit Schiebetüren.

Tagelang auf Ausgrabung im Museumsdepot


"Wenn wir eine neue Ausstellung planen, gehe ich im Depot auf Ausgrabung", erzählt die gebürtige Kölnerin. "Meist bin ich dort tagelang." Und das, obwohl sie den Bestand schon länger kennt. 2011 kam sie - nach Promotion, Ausbildung und erster Erfahrung als Kuratorin - von Nordrhein-Westfalen nach Magdeburg.

Bei einem ihrer jüngsten Such-Marathons schaute Ulrike Theisen nach Material für eine Ausstellung zur Stadtgeschichte, die nächstes Jahr eröffnet wird. "Ich möchte die Entwicklung an einzelnen Stücken erzählen", sagt sie. So fischte die Kuratorin etwa aus unterschiedlichen Zeiten Überbleibsel von Gräbern aus der Sammlung.

Was es damit auf sich hat, berichtet sie auf Beschriftungen, die später an den Vitrinen haften. Dafür durchforstet Theisen akribisch Fachliteratur - teils in der hauseigenen Bibliothek mit rund 64.000 Büchern, teils in speziellen Internetportalen.

Da nach zig Jahren Lagerung nicht jedes Stück im Top-Zustand ist, muss so manches restauriert werden, bevor es in eine Vitrine darf. Was genau gemacht werden muss, entscheidet die Kuratorin zusammen mit dem Restaurator. Mit ihm zusammen malt sie außerdem für jede Vitrine auf, wie sie später im Ausstellungsraum aussehen soll.

Leihgaben vorbeibringen, das geht nur zu zweit


Manchmal werden Magdeburger Artefakte auch verliehen - zum Beispiel nach Nebra oder Braunschweig. Dann ist Theisens Organisationstalent gefragt. Sie kümmert sich um die Versicherung und klärt, ob die Stücke beim Ausleiher ausreichend gesichert sind.

Auch der Transport muss geplant werden. Denn Museumsschätze werden nicht etwa mit der Post geschickt. Die Fachfrau erklärt: "Entweder, man engagiert eine Spezialfirma, die mit klimatisierten, stoßgesicherten Kisten kommt, oder man bringt das Stück selbst vorbei - das ist aber nur zu zweit erlaubt."

Bei der Otto-Ausstellung musste die Kuratorin den umgekehrten Weg organisieren - mittelalterliche Zeugnisse aus aller Welt nach Magdeburg holen. Dafür verhandelte sie mit europäischen Top-Adressen wie dem französischen Nationalmuseum.

Wenn sie gerade mal nichts organisiert oder zusammensucht, empfängt Ulrike Theisen oft Schülergruppen. Ob die nicht gelangweilt sind bei so einem Pflichtbesuch im Museum? "Überhaupt nicht", sagt sie. Ihr Rezept: "Ich achte darauf, dass ich sie nicht mit Zahlen bewerfe." Lieber erzählt sie ihnen von der Ausgrabung einer mittelalterlichen 1,7-Tonnen-Gruft am Dom - in Form einer Geschichte, versteht sich.