Berlin (dpa) l Als ausdrucksstarke Interpretin von Brecht-Weill-Chansons wurde die Schauspielerin und Sängerin Gisela May berühmt. Am Sonnabend feiert sie ihren 90. Geburtstag, den sie im privaten Kreis verbringen will. Am 10. Juni aber erwartet das Berliner Kino Babylon-Mitte sie als Gast zur Geburtstagsfeier. Junge Künstler möchten die Wahlberlinerin mit Liedern, Lesungen und Filmdokumenten zu ihrer Karriere ehren.

Soloabende, die in erster Linie durch Werke von Bertolt Brecht, Kurt Weill und Hanns Eisler geprägt wurden, bescherten Gisela May über Jahrzehnten Triumphe von der New Yorker Carnegie Hall bis zur Mailänder Scala. Im Laufe der Jahre hat sie zahlreiche Auszeichnungen bekommen - etwa den Nationalpreis der DDR, das Filmband in Gold der Bundesrepublik Deutschland und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Aber nicht allein als Sängerin, auch als Schauspielerin errang Gisela May Erfolge. Ihre wichtigste Bühnenrolle war Brechts "Mutter Courage". Sie spielte die Figur von 1978 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berliner Ensemble 1992. Noch heute gilt sie neben Helene Weigel und Therese Giehse als berühmteste Interpretin der Marketenderin, die im 30-jährigen Krieg fürs nackte Überleben alle Menschlichkeit fahren lässt.

Anders als die Mehrzahl deutscher Schauspielerinnen zog Gisela May nie eine enge Grenze zwischen ernstem und unterhaltsamem Theater. Neben klassischen Schauspielrollen übernahm sie oft auch Aufgaben im Dienst der so genannten leichten Muse. Beispielsweise brillierte sie in den 1970er Jahren im Ost-Berliner Metropoltheater, dem heutigen Admiralspalast, im Musical "Hello, Dolly!".

Die Lust an Sprache und Musik wurde der 1924 in Wetzlar geborenen Künstlerin schon in die Wiege gelegt. Ihre Mutter Käte war Schauspielerin, Vater Ferdinand May Schriftsteller. Von 1942 bis 1944 besuchte sie die Schauspielschule in Leipzig. Danach hatte sie Engagements an verschiedenen Theatern. 1951 kam sie ans Deutsche Theater Berlin. 1962 wechselte sie zum Berliner Ensemble.

Erst 1962, Jahre nach Brechts Tod, wechselte sie in das damals von seiner Witwe Helene Weigel geleitete Berliner Ensemble. Ihre oft spröde Interpretation komplizierter Charaktere, stets fern jeglicher Sentimentalität, ließ sie zu einer der wichtigsten Schauspielerinnen des Hauses werden.

Gisela May mag sich zu Mauerzeiten staatskonform verhalten haben, angebiedert aber hat sie sich nicht. So hielt sie etwa fest zu ihrem langjährigen Lebenspartner, dem systemkritischen Philosophen Wolfgang Harich.

Nachhaltigen Erfolg als Schauspielerin vor der Kamera verbuchte sie nach der Wende. Populär wurde sie an der Seite von Evelyn Hamann in der von 1993 bis zum Tode Hamanns 2007 laufenden Serie "Adelheid und ihre Mörder". Kultcharakter erreichte ein Dauerdialog zwischen Tochter Adelheid (Hamann) und deren Mutter (May): "Sag doch nicht immer Muddi zu mir!" - "Ist recht, Muddi."