Leipzig (dpa) l Gärtner, Buchhändler, Sänger, Autor, Kabarettist, Forscher, Sammler, Sachse: Auf den Leipziger Bernd-Lutz Lange trifft das alles zu. Außerdem kann und darf er für sich in Anspruch nehmen, ein Stück Weltgeschichte zumindest mitgeschrieben zu haben, als er am 9. Oktober 1989 gemeinsam mit Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, dem Theologen Peter Zimmermann und drei führenden SED-Politikern in Leipzig den Aufruf zur Gewaltlosigkeit anlässlich der bevorstehenden Montagsdemonstration verfasste. "An dem Tag war unter den 70 000 Demonstranten keiner, der die DDR abschaffen wollte", ist sich Lange sicher. Er feiert am 15. Juli seinen 70. Geburtstag.

Es sei den Menschen damals um Reise- und Pressefreiheit in der DDR gegangen, um eine Veränderung ihres Heimatlandes. "Der "Dritte Weg" wäre damals möglich gewesen", meint er, eine Mischung aus Kommunismus und Kapitalismus. So wie gut 20 Jahre zuvor in der damaligen Tschechoslowakei der "Prager Frühling" nicht nur in Osteuropa Hoffnung auf Veränderung gegeben habe. Er hätte sich statt des schnellen Zusammenschlusses zunächst eine Konföderation der beiden deutschen Staaten gewünscht, die letztlich in ein geeintes Deutschland gemündet wäre, sagt Lange.

Der in Ebersbach (Oberlausitz) geborene und in Zwickau aufgewachsene Künstler erzählt das alles ohne Bitterkeit. Rückwärtsgewandtheit ist bei ihm nicht zu spüren. Das wird auch bei der Lektüre seines Buches "Magermilch und lange Strümpfe" deutlich, in dem er seine Kindheit beschreibt. "Wir hatten eine schöne Kindheit, weil wir uns nicht nach irgendetwas sehnten, allein schon deshalb, weil wir es gar nicht kannten", sagt Lange mit Blick auf die Mangelwirtschaft.

Auch sei er nicht in der DDR geblieben, weil er sie so schön gefunden habe. "Ich bin Sachse, und wir Sachsen sind nun einmal heimatverbunden." Zu dieser starken Identifikation als Sachse mag auch beigetragen haben, "dass wir DDR-Bürger genannt wurden, nicht Deutsche, obwohl doch auch der Pole in erster Linie Pole und der Franzose zunächst Franzose ist."

Heute, fast 25 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR, könne er sich als Sachse, als Deutscher und als Europäer fühlen. "Ich bin ein Gewinner der Revolution", sagt Lange. Als Kabarettist habe er viel mehr Möglichkeiten, was Texte oder auch Auftritte angehe. Reisen führten ihn gleich Anfang der 90er Jahre etwa nach Frankreich, nach Israel und in die USA. "In Jerusalem, Tel Aviv und Haifa sind wir vor ehemaligen Leipziger Juden aufgetreten, es war berührend, wie die auf sächsische Klänge reagiert haben." In Los Angeles traf er die Schauspieler Walter Matthau und Jack Lemmon. "Lemmon hat sich von mir über unsere Revolution berichten lassen", erinnert sich Lange.

Erste Erfahrungen als Künstler hatte Lange nach seiner Gärtnerlehre als Sänger in Amateurbands gesammelt. Während seiner Ausbildung zum Buchhändler gründete er mit Gunter Böhnke, Christian Becher und Jürgen Hart 1966 das Leipziger Studentenkabarett "academixer", wurde hauptberuflich Kabarettist und Autor. Seit den 70er Jahren beschäftigte er sich mit der jüdischen Kultur und dem jüdischen Leben in Leipzig, mit seinem jüdischen Freund und Kollegen Küf Kaufmann machte er das Programm "Fröhlich und meschugge". Nach seinem Ausscheiden bei den "academixern" 1988 arbeitete er meist als Solist, aber auch weiter mit Böhnke oder mit Katrin Weber.

Schon länger sammelt er vor allem sächsische Witze und beklagt, dass es heute keinen politischen Witz mehr in Deutschland gebe. "Früher haben Persönlichkeiten wie der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt, der frühere Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, oder auch Bundespräsident Johannes Rau die Kunst des Witzeerzählens gepflegt." Beim Bier mit Rau tauschte er einst sogar Witze aus.

Von der Kabarettbühne hat Lange Abschied genommen. Aber er ist weiterhin bei Lesungen zu erleben, und er will auch weiter schreiben. "Das gab`s früher nicht" lautet der Arbeitstitel eines geplanten Buches. "Darin werde ich Vergleiche zwischen meiner Jugend und der Jugend heute ziehen."