Magdeburg l So also sieht es aus, wenn eine neue Kirche entsteht - eine Kirche, die allein die Bibel gelten lässt, die Heiligenverehrung und Reliquienkult ablehnt. Die Anhänger der neuen Lehre pilgern in Martin Luthers Sterbeort Eisleben. Sie bestaunen das Bett, in dem der Reformator aus dem Leben geschieden ist. Und dann schaben sie sich Späne ab und nehmen sie mit - als Wundermittel gegen Zahnschmerzen.

Es ist der Publizist und frühere Volksstimme-Chefredakteur Franz Kadell, der diese Anekdote zum Buch "Lutherland Sachsen-Anhalt" beisteuert. Der Kult um das angeblich wundertätige Bett erzürnt evangelische Pfarrer so sehr, dass sie das Möbel 1707 kurzerhand verbrennen. Die Begebenheit ist ein skurriles Beispiel für den Umgang mit Luthers Nachlass, dem hölzernen ebenso wie dem geistigen.

Unter dem Motto "Einfach googeln, Infos sprudeln" hat Kadell einen Streifzug durch Luther-Verehrung und -Devotionalien unternommen und auch Abwegiges in Überfülle zusammengetragen. Denkmäler von Eisleben bis Iowa, Luther-Filme, -Münzen, -Briefmarken und -Telefonkarten: Der Reformator ist allgegenwärtig. Kadells Überblick ist die kunterbunte Abrundung in einem Buch, das sich ansonsten vor allem der historischen Figur widmet und der weltverändernden Bewegung, die sie auslöste.

Besonders interessant für Sachsen-Anhalter: Warum wurde gerade diese Region zum Ausgangspunkt? Der Historiker Mathias Tullner zeichnet das nach: Wettiner und Hohenzollern ringen um die Vorherrschaft, Albrecht von Brandenburg muss für seine Ernennung zum Magdeburger Erzbischof hohe Summen an den Papst zahlen und holt das Geld durch den Ablassprediger Johann Tetzel herein - der wiederum Luther auf den Plan ruft.

Immer wieder ist das Ringen um eine Reform der Kirche verwoben mit Machtpolitik: etwa mit dem Kampf der Magdeburger um die Unabhängigkeit vom Erzbistum oder mit dem wachsenden Selbstbewusstsein des Reiches gegenüber dem Papst. Was nach Lektüre des Bandes unscharf bleibt, ist der individuelle Glaube der Menschen: Was änderte sich durch die Reformation, was blieb konstant?

Zu einem "zeitgemäßen Verständnis der Reformation" will der Band beitragen. Herausgeberin ist die Investitions- und Marketinggesellschaft des Landes, das seinen Glanz als Ursprung eines weltgeschichtlichen Phänomens polieren will. Dabei hat sich, wie der Luther-Experte Martin Treu in seinem Beitrag anschaulich darstellt, das Bild Luthers in den Jahrhunderten mehrfach verschoben. In den Befreiungskriegen etwa wurde aus dem Kirchenvater der Nationalheld, im Ersten Weltkrieg und auch in der DDR zerrten verschiedene Seiten am Reformator.

Noch eine Verbindung zwischen Luther und Sachsen-Anhalt gefällig? Die Sprachwissenschaftlerin Saskia Luther liefert sie. Sie zeichnet nach, wie der Reformator aus mittel- und niederdeutschen Elementen der Regionen Mansfeld und Wittenberg eine Ausgleichssprache schafft, die schließlich die kulturelle Einheit der Deutschen vorantreibt.

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