Vier Minuten Applaus am Freitag für "End Days" im Großen Haus Quedlinburg des Nordharzer Städtebundtheaters. Das überwiegend jugendliche Publikum feierte damit das Ensemble und den Regisseur Jonathan Failla.

Von Hans Walter

Quedlinburg. Das Erlöserdrama "End Days" der New Yorker Autorin Deborah Zoe Laufer gehört in die Reihe "Stücke, die die Welt kaum braucht". Auch nicht als "EEA", als europäische Erstaufführung, im Nordharz.

Zur Fabel bis zur Pause: Nach dem 11. September 2001 ist Familie Stein schwer traumatisiert. Vater Arthur (Arnold Hofheinz) hat als einziger seiner Abteilung den Crash der Twin Towers des World Trade Centers überlebt und sitzt lethargisch im Schlafanzug am Wohnzimmertisch. Mutter Sylvia (Illi Oehlmann) ist seit drei Monaten und 17 Tagen dem Wanderprediger Jesus (Markus Manig) sexuell und im Bekehrungswahn ihrer Sippschaft verfallen. Die 16-jährige Tochter Rachel (Julia Siebenschuh) im Gothic-Outfit kifft und ist in der Schule eine exzellente Mathematikerin. Hinzu tritt ihr Mitschüler Nelson Steinberg (Jörg Vogel). Er kommt als fremder Gast in die kaputte Familie, ist verliebt in Rachel, seine Gitarre und in Elvis Presley, den er sogar in den Klamotten imitiert. Dazwischen kreuzt immer mal Stephen Hawking – der Astrophysiker und Entdecker der "Schwarzen Löcher" im Universum – mit seinem Rollstuhl an Rachels Mülltonne auf, um über Gott, die Welt und die Ewigkeit zu sinnieren. Grandios in der Rolle des Gelähmten ist Susanne Rösch! Aber zu essen gibt‘s bei Familie Stein nix, weil niemand einkauft. Der von Firma Wyludda gesponserte Herd bleibt kalt.

Bis zur Pause schnattert sich das Stück so hin. Man wüsste gern, wozu man gebeten ist. Die Figuren sind bloße Sprachröhren. Aber dann gibt es dramaturgische Entwicklungen, die neugierig machen auf die Schicksale der Protagonisten.

Arthur sitzt nicht mehr wortlos am Tisch – er hat seine Brille wiedergefunden, liest Zeitung, entdeckt die Lust am Einkaufen und an der Familie neu. Und im Dialog mit dem jungen Nelson, der sich auf die Mündigkeit der jüdischen Jungen, auf das Bar Mizwa-Fest, vorbereitet und über den lächerlichen Elvisdress den Tallit, den Gebetsmantel, und das Kippa-Käppchen gezogen hat, bekennt er sich zu seinen jüdischen Wurzeln. Er singt sogar aus der Tora. Eine Heimkehr aus großer Entfernung.

Mutter Sylvia ist noch nicht so weit. Nach einer traumhaft-realen Begegnung mit Jesus verkündet sie kabarettreif für den kommenden Mittwoch das Jüngste Gericht. Das Ende der Tage, "End Days", auch mal Armageddon oder Weltuntergang genannt. Statt Al Qaida-Terrorismus nun die Horrorvision eines christlichen Fundamentalismus. Das Ereignis tritt jedoch nicht ein. Ein Glück auch! Und im Aufwachen aus dem bösen Traum werden alle glücklich und finden endlich zu ihrer wahren Bestimmung zurück: der Liebe! Und dem Schachspiel.

"End Days" setzt militantes Christentum kontra jüdischen Glauben: Das fiktive Ende der Welt ist hier wie da durch Gott bestimmt. Aber der gläubige Jude gibt seine Hoffnung nicht auf, dass nicht Chaos und Vernichtung, sondern Heil für das Volk Israel und alle Völker ausbrechen wird. Nelsons Schlüsselgespräch mit Sylvia enthält die Lösung: "Jeder Moment des Lebens ist wichtig ... Zu wissen, dass der Tod unausweichlich ist, gibt jedem Moment des Lebens Bedeutung." Sagt jedenfalls Rabbi Baumbach.

Nelson ist der eigentliche Held des Abends. Er wirkt als Katalysator für alle Bewegungsprozesse in der Familie, ähnlich wie der Engel in Pasolinis Film "Teorema". Doch er hat weniger zu bewerkstelligen. Wendepunkte werden wenig sichtbar. Regisseur Failla betonte mehr den Comedy-Charakter des Stücks, etwa mit der Hawking-Himmelfahrt.

Für das spielfreudige Ensemble fand er überzeugende Anlagen. Ohne Ausnahme sind die Akteure besonders im zweiten Teil interessant. Aber die Regie springt zu kurz. Ohne Kenntnis jüdischen Glaubens erschließt sich dieser Weltuntergang nur schwer.

Es ist der Versuch einer Missionierung. Bei mir ist er gescheitert.

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