Von Hans Walter

Wernigerode. Das Harzer Kultur- und Kongresszentrum (KiK) war am Sonnabend beim Festkonzert zum 60-jährigen Jubiläum des Rundfunk-Jugendchores und des 20-jährigen Bestehens des Landesgymnasiums für Musik in Wernigerode restlos überfüllt. Es war vieles in einem: glanzvolles Konzert, großes Sängertreffen, klingende Bilanz der Chorgeschichte und vor allem eine Hommage an den jetzigen Leiter Peter Habermann und den legendären Chorgründer Professor Friedrich Krell.

Am 16. Mai 1951 fand sich unter Leitung des fast 23-jährigen Krell ein Schulchor zusammen. Die Mitglieder hatten sich geschworen, den "Neuen" in spätestens einem halben Jahr "fertigzumachen". 130 gelangweilte Schüler kamen – 130 Erstaunte blieben, weil Musik auch Freude machen kann. Krell hatte sie gefangen mit unglaublicher Energie, mit Witz und Ironie und einem untrüglichen Gespür für das Mögliche in der A-cappella-Chormusik. Bis heute wird die Messlatte immer höher gelegt.

Das Festkonzert präsentierte den größten Rundfunk-Jugendchor aller Zeiten: 55 Sängerinnen und Sänger des aktuellen Chores, dazu 275 "Ehemalige" aus allen 60 Jahren. Macht 330 Choristen, die nichts von dem vergessen hatten, was sie dereinst gelernt hatten – das anspruchsvolle Repertoire, die Stimmkultur und den strahlenden jugendlichen Klang, der die Wernigeröder so unverwechselbar macht. Man muss sich das einmal vorstellen: Um zehn Uhr wurden die Noten verteilt. Von 11 bis kurz nach 13 Uhr probten Krell und Habermann mit den Sängern. Und um 16.30 Uhr ging das grandiose Konzert in studioreifer Qualität über die Bühne. Der Mitteldeutsche Rundfunk produzierte es für die gestrige Ausstrahlung im Kultursender "Figaro". Grit Schulze und der Kabarettist und Buchhändler Rainer Schulze moderierten es mit Charme und Witz.

Das dreigeteilte Konzert eröffnete weite klangliche und gedankliche Räume. Vom schlichten Volkslied – meist im Satz des anwesenden fast 85-jährigen Komponisten Rolf Lukowsky vorgetragen – über gültige Interpretationen mittelalterlicher Madrigale, der Händelschen "Friedensode" und Werke romantischer Komponisten wie Brahms und Mendelssohn Bartholdy bis hin zu Hugo Distlers spannungsvollem "Feuerreiter" und Gerd Domhardts "Wenn die Vernunft schläft, erwachen Ungeheuer" nach einer Radierung von Goya. Letzteres Werk hatte seiner Gedankenlyrik und expressiven Tonsprache wegen eine besondere Bedeutung in der erstarrenden DDR. Und hat sie immer noch.

Zum Abschluss sang der gewaltige Chor das Volkslied"Der Mond ist aufgegangen". Der Mond geht immer – ein Bonmot vieler Volksmusikinterpreten. Aber in Innigkeit, Schlichtheit und Differenzierung setzen die Wernigeröder auch hier die Maßstäbe. Danach brach der Jubel los. Fast zehn Minuten stehende Ovationen für Friedrich Krell und Peter Habermann, der auch solistisch als Bariton hervortrat, für die Solisten und für den mächtigen Jubiläums-Rundfunk-Jugendchor. Viel mehr geht nicht!