Die Berliner Band Beatsteaks veröffentlichte mit "Boombox" ihr sechstes Studioalbum. Die fünf Musiker nehmen den Hörer mit zu sich in den Proberaum und zerstreuen so ganz nebenbei Trennungsgerüchte, die während ihrer selbstverordneten Pause in den vergangenen zwei Jahren aufkamen. Nicht ohne Grund.

Von Marco Papritz

Berlin. "Nach meiner Familie ist die Band der Grund, warum ich lebe", sagte ein entspannter Peter Baumann. Der Gitarrist hatte vor zwei Jahren die Spekulationen selbst entfacht, die Beatsteaks könnten aus der selbstverordneten Pause nicht zurückkehren. "Daran kann ich mich noch gut erinnern. Ich habe gesagt ¿Selbst dann wird sich die Welt weiterdrehen‘. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass wir uns nicht zu wichtig nehmen."

Rückblende: 1995 findet die Band zusammen. Zu Beginn ihrer Karriere gewinnen die fünf Berliner einen Auftritt als Vorband der Punkurgesteine Sex Pistols. Es folgen Touren im Vorprogramm unter anderem von Die Toten Hosen und Die Ärzte. Sänger Arnim Teutoburg-Weiß, die Gitarristen Peter Baumann und Bernd Kurtzke, Schlagzeuger Thomas Götz und Bassist Thorsten Scholz reisen unermüdlich durch die Städte. Mit Erfolg – die Fangemeinde wächst stetig, die Lieder gehören zum festen Programm der Radiostationen. Die Alben "Smack Smash" (2004) landen auf Platz 5 und "Limbo Messiah" (2007) auf Platz 3 der deutschen Albumcharts. Konzerte der Berliner sind fortan stets ausverkauft.

Thorsten Scholz nutzte die Zeit der Pause, um Bassunterricht zu nehmen. "Auch nach Jahren hat er das Gefühl, etwas aufholen zu müssen, nur weil er als Letzter dazukam. Dabei ist das Quatsch – aber wir sagen es ihm nicht", verriet Peter Baumann schmunzelnd. Es gab nie Probleme innerhalb der Band, man sei nur "fertig gewesen, haben Jahre ununterbrochen getourt. Die Akkus sind wieder aufgetankt", so Bernd Kurtzke. Und weiter: "Ich habe mit all meinen Freunden Zeit verbracht, die man während einer Tour immer vertröstet und dann doch nicht getroffen hat."

Irgendwann habe es wieder "gejuckt" und sich die Beatsteaks im Proberaum eingefunden. "Da haben wir dann unsere Ideen, so eine Art Hausaufgaben, vorgelegt und besprochen. Erst nach einer Weile haben wir gesagt ¿So, jetzt müssen wir mal aus dem Knick kommen und uns mit einem Album beschäftigen‘", sagte Peter Baumann. Bei fünf Mitgliedern mit fünf verschiedenen Musikinteressen und Vorstellungen, wie die Lieder klingen sollen, kein einfaches Vorhaben. "Klar haben wir lange diskutiert bis uns die Köpfe heißgelaufen sind. Aber genau so hören sich die Lieder an: breit, bunt und abwechslungsreich, ohne dabei Schubladen zu bedienen. Das Album ist eine echte Wundertüte", schätze der Gitarrist ein.

Auf "Boombox" finden sich elf Lieder, die das ganze Spektrum des Beatsteaks-Sounds wiedergeben. Der bandeigene Mix aus Punk, Rock und Reggae wurde angereichert mit neuen Elementen wie etwa Orgel und einer unüberhörbaren Prise 80er. Fast alle Lieder wurden live eingespielt, nur der Gesang extra, keine Overdubs, also Tonaufnahmen über Playback auf Kopfhörern. Warme Klänge dominieren, der Basslauf ist klar zu erkennen. Klang das Vorgängeralbum "Limbo Messiah" nach Einschätzung von Bernd Kurtzke "sehr sperrig und kantig, haben wir dieses Mal die Songs mehr ausgefahren, den Dingen Platz gegeben, sich zu entwickeln. Wir haben nicht zu viel in die Lieder reingepackt, wie es Musikern gerne mal passiert", erklärte Peter Baumann.

"Verrückte Deutsche" gehen auf Tour

Dies habe dem Album, komplett im Berliner Proberaum aufgenommen, hörbar gutgetan. Der erste Song "Fix this" klingt zwar noch sperrig und etwas rumpelnd. Hymnisch wird es anschließend bei "Milk & Honey", der ersten Single. Der Refrain, eingängig und euphorisch, erinnert stark an The Smiths und deren Frontmann Morrissey, Peter Baumann steuert das Piano bei. "Ich kann nicht wirklich Klavier spielen. Wir haben Tesafilm auf die Tasten geklebt, damit ich mich zurecht finde. Thomas hatte die Melodie aufgenommen, wir wollten sie unbedingt umsetzen und beibehalten", so Baumann, der bei "Under a clear blue sky" den Sangespart übernimmt.

Jedes der elf Lieder klingt anders und ist doch ein echter Beatsteak. Das Tempo wurde im Vergleich zu früheren Stücken etwas zurückgenommen. "Obwohl, bei ¿Behaviour‘ mussten wir einfach mal Dampf ablassen", stellte Bernd Kurtzke klar. Auf 1.10 Minuten komprimieren die fünf Berliner ihre rohe und ungehobelte Seite, abgeschlossen durch Zwischenrufe, wie sie im Proberaum oder Studion üblich sind. Diese Atmosphäre auf "Boombox" ist kein Zufall. Peter Baumann: "Wir wollten, dass die Hörer möglichst nah dran sind und das Gefühl haben, die Songs werden beim Hören gerade erst aufgenommen." Die Beatsteaks haben auch kleine Fehler beim Einspielen während der Produktion beibehalten und nicht ausgebessert. "Das gibt dem Ganzen einen eigenen Charme, auch wenn es schwierig war, die anderen davon zu überzeugen", so Bernd Kurtzke schmunzelnd.

Vor allem bei Nick Launay, der für das Abmischen von "Boombox" gewonnen werden konnte, bedurfte es großer Überredungskunst. Der Amerikaner, der schon Größen wie Kate Bush, die Talking Heads und Lou Reed produzierte, wurde via E-Mail angeschrieben. Den Kontakt bekamen die Berliner von der befreundeten Band The Living End aus Australien. "Sie haben auch ein gutes Wort für uns bei Nick eingelegt. Es war interessant zu sehen, was jemand aus unseren Rohmixen herausholt, der die Beatsteaks nicht kennt. Irgendwann nannte er uns nur noch ¿The crazy Germans‘", erinnerte sich Kurtzke.

Die verrückten Deutschen werden mit dem neuen Album ab März unterwegs sein. Die Fans im Land müssen sich allerdings gedulden. "Wir machen keinen Bogen um Sachsen-Anhalt, gerade in Magdeburg haben wir grandiose Konzerte gespielt. Es hat sich noch kein Termin ergeben – aber Leipzig und Berlin sind doch nicht weit", so Peter Baumann. In der Leipziger Arena spielen die Beatsteaks am 25. März, in der Berliner Wuhlheide am 10. und 11. Juni. Vorher treten die Berliner neben Coldplay und Kings Of Leon als Headliner beim Zwillingsfestival Rock am Ring und Rock im Park vom 3. bis 5. Juni auf.