Kleinmühlingen/Großmühlingen/Eickendorf l „Was der olle Bunker auf dem Dreihöhenberg für ‘ne Aufgabe hatte? Na, da wollte doch die Führung unterkommen, bei einem Bombenangriff“, sagt ein alter Mann, der in Eickendorf gerade die Straße kehrt. Auch wenn es danach klingt: Mit „Führung“ meint er nicht die Vertreter der Jahre 33 bis 45, sondern die aus DDR-Tagen. In der Zeit des Kalten Krieges sorgte man für den Ernstfall vor.

Es hat sich bis heute nicht so richtig herumgesprochen, was die Anfang der 60er Jahre gebauten Bunkeranlagen auf dem Großmühlinger Weinberg, dem Dreihöhenberg bei Eickendorf und dem Kleinmühlinger Mühlberg für eine Funktion hatten. Wie man sich in Eickendorf erzählt, war die eingezäunte Anlage auf dem Dreihöhenberg ein sehr geheimnisumwitterter Ort. Die Leute vermuteten einen Atomschutzbunker, der mit allem Komfort ausgerüstet, der kreislichen Führungselite das Überleben sichern sollte.

Doch war die Anlage wirklich so wichtig und komfortabel? Schließlich wurde sie nur von einem sehr hohen Holzzaun gegen neugierige Besucher geschützt. (Weil man in der DDR vor jedem Zaun Respekt haben musste, reichte der Holzzaun offenbar.)

Bilder

Treppen in die Tiefe

Ein Zeitzeuge erinnert sich daran, dass die Bunkeranlage auf dem Dreihöhenberg „12 oder 13 Räume“ hatte. Auf der Südseite befand sich der Eingang, dessen Treppe viele Stufen in die Tiefe führte. Über zwei noch heute sichtbare Betonsäulen wurde Frischluft angesaugt. Die Ausstattung war funktionell: Liegen, Tische, Schränke, Toilette, Trinkwasser, Notstromaggregat, eine Küche. Über eine Doppeltürenschleuse aus Stahl gelangte man ins Innere. Der Bunker des Eickendorfer Dreihöhenberges sollte in der Tat der Kreiseinsatzleitung (Rat des Kreises) im Ernstfall als Ausweichort und zentraler Führungspunkt dienen.

Gustav Kampe, nach der Wende Bürgermeister von Kleinmühlingen und davor 30 Jahre lang Ökonomischer Leiter der LPG, konnte sich kurz vor seinem Tod 2003 noch genau an die „Bunker-Geschichte“ erinnern: „Die Anlagen von Eickendorf und Kleinmühlingen standen mit dem Krähenberg zwischen Salzelmen und Welsleben in Verbindung. Vor dort wurden Kabel verlegt.“

Sowjet-Soldaten hätten durch den halben Kreis Kabelgräben gebuddelt, die von der Deutschen Post bestückt wurden. Ein Kollege von der Post habe verraten, dass das nicht nur normale Kabel für Telefon, sondern auch stärkere für Fernzündungen seien.

30 Meter tief gebohrt

Krähenberg, Dreihöhenberg und Mühlberg waren also untereinander vernetzt. Gustav Kampe berichtete, dass die Leitungen weiter über die Calbenser Saalebrücke bis in den Diebziger Forst reichten. Dort war Militär stationiert. Im Ernstfall hätten die westlich gelegenen Beobachtungspunkte im Kreis Schönebeck Signal geben können, dass der Feind anrückt.

„Für uns war damals besonders das Bodenprofil interessant, als man einen Brunnen für den Kleinmühlinger Bunker bohrte“, erinnerte sich Kampe damals. Weil die Anlage auf dem Mühlberg Trinkwasser brauchte, bohrte man über 30 Meter tief, blieb aber erfolglos.

Der Mühlberg-Bunker ähnelte von der Ausstattung dem auf dem Dreihöhenberg. Man geht davon aus, dass die Baugrube rund fünf bis sechs Meter tief gewesen sein muss. Die Raumhöhe betrug etwa 2,50 Meter, die Betondecke darüber etwa einen Meter. Darüber wurde dann ein fast zwei Meter hoher Erdhügel aufgefüllt.

Nach der Wende ließ die Gemeinde den Eingang zum Kleinmühlinger Bunker zuschütten und mit Beton versiegeln. Weil nichts geheimnisvoller als eine unterirdische Anlage ist, dauerte es nicht lange und der Zugang war von Kindern wieder aufgebuddelt und aufgemeißelt worden.

Die genervten Besitzer des Grundstücks versiegelten den Eingang erneut mit Beton und schenkten das Land dann vorsichtshalber der Gemeinde …

Auf dem Weinberg zwischen Zens und Großmühlingen befand sich dagegen ein überirdischer Beobachtungsbunker. Laut Gustav Kampe mussten seine LPG-Kollegen in den 60er Jahren eine Schneise in den Wald schlagen, damit der Bunkerblick in Richtung Schönebeck und Krähenberg frei war.

Die Anlagen wurden in den 70er und 80er Jahren von verlässlichen, linientreuen Rentnern gewartet. Heute sind sie allesamt Ruinen.

Der Bunkerzugang auf dem Eickendorfer Dreihöhenberg war viele Jahre mit Betonbrocken zugeschüttet. Die Neugier der Menschen war aber stärker: In mühevoller Handarbeit wurde er wieder frei geräumt, so dass sich dort heute wieder Fledermäuse und vielleicht auch neugierige Menschen tummeln.