Berlin (dpa) l Arbeitsplätze werden vernichtet, viele kleine Betriebe müssen vielleicht schließen und die Preise werden steigen - solche Schreckensszenarien zeichneten Kritiker des Mindestlohns.

Knapp hundert Tage nach dem Start zeigt sich: Es trifft bisher nach Einschätzung von Experten vor allem Ostdeutschland und einzelne Branchen. Im Taxi, beim Bäcker oder in Hotels und Gaststätten müssen Verbraucher mancherorts mehr bezahlen. Auch bei Unternehmen hinterlässt die Neuregelung erste Spuren.

"Die Einführung des Mindestlohns hat aber nicht zu Preiserhöhungen auf breiter Front geführt, die wirklich bei den Menschen ein Loch in die Tasche reißen würden", sagt Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das robuste wirtschaftliche Umfeld "hält natürlich mögliche negative Wirkungen, die der Mindestlohn haben könnte, erst einmal klein", sagt Tarifexperte Thorsten Schulten vom WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung.

Doch in strukturschwachen, grenznahen Regionen in Ostdeutschland brachte die 8,50-Euro-Grenze nach Angaben mehrerer Branchenverbände besonders kräftige Lohnsteigerungen, weil das Niveau zuvor niedrig war. Ein Beispiel: Hotels und Gaststätten in Mecklenburg-Vorpommern. Dort legten die Preise im Februar Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes zufolge um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu - bundesweit lag das Plus nur bei 2,5 Prozent. Es könne sein, dass man diese Preissteigerung in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Kaufkraft nicht durchsetzen könne, sagt Geschäftsführerin Sandra Warden. "Im Extremfall könnte das bis zu Betriebsschließungen führen."

Die Taxibranche gibt dagegen vorerst Entwarnung. "Die dramatischen Kundenrückgänge, die wir befürchtet haben, scheinen sich nicht einzustellen", sagt der Präsident des Branchenverbandes BZP, Michael Müller. Und das, obwohl Taxifahren über das Bundesgebiet hinweg nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Februar um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr teurer wurde.

Die Minijobzentrale meldete jüngst, die Zahl der Minijobs sei im Januar ungewöhnlich stark zurückgegangen - ein Zusammenhang mit dem Mindestlohn sei zu vermuten.

Minijobber könnten nicht mehr so flexibel eingesetzt werden, sagt Amin Werner, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. Wenn die Minijobber auch an Wochenenden und Feiertagen arbeiteten, hätten sie schnell die Verdienstgrenze von 450 Euro erreicht.

Besonders große Sorgen plagen die Floristen im Osten. "Es gibt keinen Spielraum für Preissteigerungen in der Branche", sagt eine Sprecherin des Fachverbands deutscher Floristen. Zu groß sei die Konkurrenz durch Angebote von Discountern und im Internet. Sie malt ein düsteres Bild: Ein Verlust von Arbeitsplätzen sei sehr wahrscheinlich.

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