Berlin l Vor mehreren hundert geladenen Gästen haben deutsche Spitzenpolitiker am Mittwochabend den Gründer des Deutschen Reichs gewürdigt. Otto von Bismarck war genau 200 Jahre zuvor im altmärkischen Schönhausen geboren worden. Bundespräsident Joachim Gauck sagte beim Festakt in Berlin, Bismarck gehöre "zu den wirkmächtigsten Gestalten und Gestaltern der deutschen Geschichte". Beispielhaft seien Bismarcks Energie, seine Fähigkeit, den richtigen Moment abzuwarten, seine Entschlusskraft und Standhaftigkeit.

Allerdings: Für politische Ziele Kriege zu führen - das komme heutzutage "selbstverständlich" nicht mehr in Frage. Mehr noch: "Wo das heute noch oder wieder geschieht, da müssen wir Protest einlegen und nötigenfalls auch Hilfe oder Widerstand leisten." Wer mochte, konnte da an Russlands Aggression gegen die Ukraine denken. Noch deutlicher sollte später Wolfgang Schäuble werden; Gauck beließ es bei der allgemeinen Warnung.

Dafür sparte er nicht mit Kritik an Bismarck, dessen Porträt im Riesenformat hinter ihm aufgespannt war. Schnell zeigte sich: Gauck, der Theologe und Mecklenburger, kann dem Wirken des preußischen Machtpolitikers nicht allzu viel abgewinnen. Er sei froh, dass er nur ein Grußwort halte, bekannte er - ein Charakterbild zu zeichnen, das eine eindeutige Haltung zu Bismarck ermögliche, "das würde mir schwer fallen".

Positiv nannte Gauck Bismarcks Bemühen, bei der Reichseinigung auf die kleinen Länder zuzugehen - das könne ein Vorbild für Europa sein. Dagegen stehe jedoch Bismarcks hartnäckiger Drang, "Reichsfeinde" auszumachen und auszuschließen. Gauck: "Das war nicht nur kontraproduktiv, es hat auch lange nachwirkende Wunden geschlagen und Vorurteile auf Jahrzehnte befestigt." Noch bis zu Willy Brandt seien Sozialdemokraten als "vaterlandslose Gesellen" bezeichnet worden und die katholische Kirche als "Vertreterin einer auswärtigen Macht". Das sei ein bleibender Schatten auf Bismarcks Wirken.



Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, auch er - als Badener - einer Preußen-Glorifizierung unverdächtig, ließ durchaus Bewunderung für die Gestaltungskraft Bismarcks erkennen. "Wir leben in Institutionen, die er geschaffen hat, vom Kanzler bis zum Bundesrat." Sowohl der Föderalismus als auch der Sozialstaat seien Bismarcks Erbe.

Mehrfach ging Schäuble auf Vergleiche zwischen der heutigen und der damaligen Politik ein - meist, um sie zu verwerfen. Da sei etwa die Behauptung, das "deutsche Problem" sei zurückgekehrt: ein Land, das zu mächtig sei, um sich in Europa einzufügen. Für Schäuble ist das schlicht "Unsinn". Aber auch die Vorstellung, Deutschland könne wie zu Bismarcks Zeiten als "ehrlicher Makler" die Probleme anderer lösen, sei falsch. "So funktioniert Politik heute nicht mehr", sagte Schäuble. In der Europäischen Union agierten 28 gleichberechtigte Nationen, "das ist keine Phrase, sondern eine Realität".

Ausgestorben ist der Politikstil des 19. Jahrhunderts aus Schäubles Sicht nicht. "Wir müssen leider erkennen, dass die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges der Bismarck-Zeit ein Stück ähnlicher geworden ist." Das Denken in Einflusszonen und Reichen, "Staaten, die sich gedemütigt fühlen" - all das sei wieder da. An anderer Stelle sprach Schäuble Moskau direkt an. Aus Bismarcks gutem Verhältnis zu Russland dürfe man nicht die Forderung nach Verständnis für Putin ableiten. "Eine Verständigung mit Russland kann es nur geben, wenn es europäische Werte akzeptiert."

Wie soll eine demokratische Gesellschaft einen vordemokratischen Politiker würdigen? Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff umging das Problem, indem er das Manuskript beiseite legte und in freier Rede schlichtweg sämtliche Ausgangspunkte deutscher Geschichte für sein Land reklamierte. Bismarck, Kaiser Otto, Martin Luther ("geboren bei uns, gestorben bei uns"), die Ursprünge des Sozialstaats bei August Hermann Francke in Halle - "alles begann in Sachsen-Anhalt", urteilte Haseloff und erntete für seine Chuzpe mehrfach Lachen.

Die weniger glanzvolle Gegenwart als armes Bundesland holte ihn nur wenig später ein, als Schäuble ihm ein Exemplar der prägefrischen Bismarck-Gedenkmünze in die Hand drückte. Mit maliziösem Lächeln erklärte der Finanzminister das Geschenk zum Teil der Hilfszahlungen aus Berlin: "Das wird natürlich verrechnet, Herr Ministerpräsident."