Von Arne Bensiek

Es fehlt nur noch, dass sie getötete Soldaten ausstellen. Dann wäre das Schlachtfeld komplett. Geschosshülsen, Stacheldraht und Soldatenhelme liegen herum, dramatisch hindrapiert. Zerschossene Panzer stecken halb vergraben im Beton.

Es ist ein milder Abend in den Bergen, friedlich still. Eltern und ihre Kinder spazieren gut gelaunt auf einem Besucherpfad vorbei am Kriegsgerät wie durch einen Freizeitpark. Ein freundlicher Touristen-Führer, kariertes Hemd, verspiegelte Sonnenbrille und Handfunkgerät amGürtel, schwärmt in passablem Englisch: "Das hier ist der künstlerische Teil von Mleeta, schön, nicht wahr? Er heißt: Der Abgrund." Etwa 50 Meter Durchmesser hat die kreisrunde Kriegskollage. Der Mann erklärt, hier sei alles ausgestellt, was den "Widerstandskämpfern" – der Hisbollah – vom israelischen Militär bis heute in Gefechten in die Hände gefallen sei.

Das heißt, seit 1982, als Israel einmarschierte, um die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO aus Beirut zu vertreiben. Danach blieb der Süden des Libanon bis zum Jahr 2000 unter israelischer Besatzung. Aus ihren Kriegsfunden hat die radikalislamische Hisbollah auf mehr als 1000 Meter Höhe ein bizarres Freiluftmuseum errichtet, eine Art Disneyland des Dschihad, genannt Mleeta. Direkt vor der Nase des Feindes: Bis zur israelischen Grenze sind es keine 30 Kilometer, nach Beirut ist es mehr als doppelt so weit.

Höllen-Botschaft für israelische Flugzeuge

Mleeta ist ein Originalschauplatz. Vor vier Jahren, im bisher letzten Krieg mit Israel, hatten die Guerillakämpfer der Hisbollah ihre Raketen und Granaten unter anderem von hier aus abgeschossen. Im Schutz von niedrigen Eichen, Birken und unterirdischen Bunkern.

Der Touristen-Führer der Hisbollah zeigt auf den betonierten Rundweg um das Schlachtfeld und erklärt: "Der Kreis symbolisiert einen Wirbelsturm, der die israelischen Truppen zermalmt." In der Mitte der Installation steht auf Hebräisch geschrieben "Libanesischer Sumpf, Hölle".

Das sei eine Botschaft, eine SMS an die israelischen Flugzeuge, die jeden Tag verbotenerweise in den Luftraum über dem Südlibanon eindringen würden. "Es soll sie an ihre Verluste im Krieg 2006 erinnern", prahlt derMann. 121 israelische Soldaten starben damals, auf Hisbollah-Seite kamen mindestens 250 radikal-islamische Kämpfer um.

Ein Sieg war das nicht, und so rühmt sich die vom Iran unterstützte Miliz, Israel habe sein Ziel nicht erreicht, die Hisbollah auszulöschen. Dass 1200 libanesische Zivilisten die 33 Tage Krieg mit ihrem Leben bezahlen mussten und fast eine Million floh: Dieser Teil der brutalen Geschichte wird den Besuchern von Mleeta verschwiegen. Aber es geht nicht um Trauer, sondern um eine Heldenfeier. Die zerstörten israelischen Panzer in Mleeta sollen ein Zeichen des Sieges setzen. Und sie sollen wohl vor allem diejenigen motivieren, die in Zukunft gegen den Erzfeind kämpfen könnten. Aber auch Familien heißt die Hisbollah zu ihrer Propagandaschau in der Bergidylle herzlich willkommen: Man kann nicht jung genug sein, um mobilisiert zu werden.

Der Eintritt in den Hisbollah-Park kostet einen Dollar. Es gibt Fastfood, einen Souvenir-Laden und eine futuristische Mehrzweckhalle mit Filmvorführung. Im Mai fand die Eröffnung statt – durch Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah persönlich. Darum hat alles noch den Glanz des Neuen.

Doch die millionenteure, akkurat hergerichtete Anlage wirkt völlig unwirklich neben den noch immer vom Krieg gezeichneten schiitischen Dörfern des Südlibanons.

Woher das Geld für den Bau gekommen ist, lässt sich nicht nachvollziehen. Vielleicht hat der Iran, der ja die Hisbollah finanziell unterstützt, einen nicht unerheblichen Anteil beigetragen. Vor kurzem erst besuchte Irans Präsident Ahmadinedschad – der geistige Bruder der Hisbollah – den Libanon, um sich von den Hisbollah-Anhängern feiern zu lassen.

Eine irreale Welt, die den von Bürgerkrieg und Nahost-Konflikt traumatisierten Menschen noch mehr vom Krieg erzählen soll. Nachhaltiger Frieden ist hier nicht das Ziel. Aber die Menschen kommen.

Luxushotel und Seilbahn geplant

Jeden Tag bringen Busse mehr als tausend Besucher die Serpentinenstraße hinauf zur neuen Hisbollah-Pilgerstätte. Bald soll in Mleeta ein ganzes Touristendorf entstehen, ein Restaurant ist in Planung, ein Luxushotel und eine Seilbahn zu einem der Berggipfel in der Nähe.

Bis in den Himmel soll es von hier aus nicht weit sein. Das verspricht jedenfalls ein Märtyrer-Denkmal, das auf einem Hügel über der gesamten Anlage thront.

"Friede sei mit euch, die ihr euer Leben gegeben habt für den Weg Allahs, für das Heimatland und die Menschheit", steht auf einer Tafel aus Kristallglas. Und es sieht so aus, als seien die Betreiber des Freiluftmuseums darauf vorbereitet, dass der Krieg wieder ausbricht.

Ein Guerillapfad zieht an einem anderen Ort des Geländes unter Tarnnetzen, gesäumt von Sandsäcken, den Hang auf und ab. Rechts und links des Weges stehen hinter Stacheldraht Waffensysteme, ausgerichtet in Richtung Israel. "Alles ist vollkommen authentisch wie 2006", versichert der Touristen-Führer. Alles hätten sie stehen gelassen. Lediglich ein paar Hinweistafeln haben sie dem Kriegsgerät noch zur Seite gestellt. Die informieren über den genauen Waffentyp und dessen Können. So wie die B10K, eine Panzerfaust, die von der Schulter oder von einem Dreibein aus abzuschießen ist. Unheimlich wird es spätestens, als zwischen den Bäumen uniformierte Milizionäre sichtbar werden – bis sie sich als Schaufensterpuppen entpuppen. Kein Detail bleibt erspart.

Echt dagegen sind drei junge Männer Mitte 20, die am Ende des Besucherpfads vor dem Eingang in einem Schacht fachkundig mit einem schwarzen Maschinengewehr hantieren. Offenbar kein Ausstellungsstück.

Als sie sehen, dass Besuch kommt, verschwindet einer der drei mit der Waffe in der Stellung. Dorthin, wo sich auch die Hisbollah-Kämpfer imKrieg zum Schutz zurückgezogen haben. Eine Küche, Schlafzimmer und Aufenthaltsräume gehen von dem schmalen, verzweigten Gang ab. In einem Schrank stehen Kalaschnikows hinter Glas.

Am Ausgang des Kellers gibt eine Aussichtsplattform den Blick frei über die Dörfer hinweg aufs Meer. Auf einmal wirkt alles ganz friedlich. Eine riesige gelbe Hisbollah-Fahne weht einträchtig neben der libanesischen. Es könnte der Eindruck entstehen, als stünden alle Libanesen – auch Drusen, Sunniten und Christen – hinter dem hier aufgeführten martialischen Schauspiel der Hisbollah.

Den Anstrich des Offiziellen geben Mleeta auch die landestypischen braunen Hinweisschilder für Sehenswürdigkeiten am Straßenrand. Sie preisen die Kriegsausstellung als anerkanntes Ausflugsziel Eine Ehre, die sonst Tropfsteinhöhlen oder Zedernreservaten zuteil wird. Da der libanesischen Regierung bisher zwei Minister der Hisbollah angehörten, waren die offiziellen Schilder womöglich nur Formsache.

Eine Deutsche im Hisbollah-Shirt

Das Publikum werde immer internationaler, beteuert der Touristen-Führer. "Leute aus aller Welt, vereint im Sinne des Widerstands, ist das nicht toll?" Auch eine deutsche Familie ist an diesem Abend zu Gast. Vater, Mutter, Tochter und ihr Freund schlendern vorbei an den größerenWaffengattungen. Vor einer kapitalen Flugabwehrkanone, die in einem Rosenbeet steht, hält der Familienvater inne. "Guck mal, Hassan", wendet er sich in feinstem Sächsisch an den Freund der Tochter. "Mit so einer habe ich beim Militär auch schon mal geschossen."

Der libanesische Schwiegersohn nickt anerkennend. Die Tochter, Anfang 20, lange braune Haare, trägt ein modisch enges, grellgelbes Longshirt mit Hisbollah- Logo.

Die Sonne ist gerade untergegangen. Blaue Scheinwerfer sind angesprungen und hüllen die Panzerkollage in ein unwirkliches Licht. Über Lautsprecher ruft ein Muezzin zum Gebet. "Das können Sie hier überall auf der Anlage genießen", sagt der Touristen-Führer.

Noch.Wenn es das nächste Mal Krieg mit Israel gebe, dürften die Bomben des Feindes als erstes Mleeta treffen, spekuliert er. "Dann bauen wir alles wieder auf, so wie immer."