Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 07.04.2010 22:00:00


In einer bewegenden Geste hat Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin seinem polnischen Amtskollegen Donald Tusk gestern am Mahnmal von Katyn, rund 400 Kilometer westlich von Moskau, die Hand gereicht. Der Versöhnungakt war längst überfällig, steht Moskau noch heute nicht eindeutig zum Mord an mehr als 20000 polnischen Offizieren und Intellektuellen vor 70 Jahren. So erfreulich Putins Geste daher ist, es bleiben weiterhin viele Fragen offen.

Katyn: Der Name steht symbolisch für Geschichtsfälschung großen Stils. Im Frühjahr 1939 beging der sowjetische Geheimdienst NKWD die Morde, wobei Katyn nur einer von drei Tatorten war. Weil die Leichen von Katyn allerdings als erstes gefunden wurden, steht "Katyn" heute für das gesamte Verbrechen.

Vertuschtes Verbrechen

Ziel des vom sowjetischen Diktator Stalin angeordneten Massakers war, die Bolschewisierung Polens vorzubereiten. Am 1. September 1939 war die deutsche Wehrmacht in dem Land einmarschiert. Am 17. September drang die Rote Armee vom Osten her nach Polen ein. Die Armeen stießen bis zu jener Linie vor, wie sie in einer geheimen Zusatzklausel des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939 vereinbart worden war.

Nach Beginn des deutschen Russlandfeldzugs (Juni 1941) entdeckte die Wehrmacht 1943 die Leichen von Katyn. Ein Propagandakrieg setzte ein. Hitler versuchte das Verbrechen für seine Agressionspolitik zu benutzen, Stalin schob das Massaker dagegen den Deutschen unter. Trotz der erdrückenden Beweislage gegen Russland spielten die westlichen Alliierten das Spiel des Sowjet-Diktators zunächst mit – sie fürchteten um den Fortbestand der Anti-Hitler-Koalition.

Die Polen wurden zum Spielball der Großmächte – ein weiteres Mal in ihrer Geschichte.Auch deshalb ist Katyn heute noch ein nationales Trauma für das Land. Das gestrige Treffen Putins wird Polen helfen, dieses Trauma zu überwinden.

Die Geste Putins verdient daher zunächst Lob und Respekt. Noch bis zum Ende der Sowjetunion hatte der Kreml behauptet, die Verantwortung für das Massaker läge bei den "Faschisten". Diese Version galt selbstverständlich auch in den Satellitenstaaten der UdSSR. Erst Michael Gorbatschow räumte 1990 offiziell die Täterschaft Russlands ein. Sein Nachfolger Boris Jelzin übergab 1993 geheime Akten an Polen und entschuldigte sich bei den Angehörigen der Opfer.

Das waren wichtige Schritte, um die russisch-polnischen Beziehungen zu verbessern, die das Thema Katyn erheblich belastet. Dann jedoch kam Putin, und obwohl er mit seinem Besuch des Tatorts – dem ersten überhaupt eines russischen Regierungschefs – an die Politik seiner Vorgänger anzuknüpfen scheint, sind sein Umgang mit der Thematik sowie der stalinistischen Geschichte insgesamt bisher fragwürdig.

2004 etwa wurden wichtige Dokumente zum Massaker geheim erklärt. Unter Putin wurden Schulbücher gefördert, die Stalin als "erfolgreichsten" sowjetischen Führer überhaupt preisen. Aufklärung sieht anders aus.

Bedeutet das gestrige Treffen Putins daher einen Kurswechsel seiner Politik? Immerhin: Die Geste von Katyn steht in einer Reihe mit weiteren Schritten, die Putin jüngst eingeleitet hat. So strahlte das russische Fernsehen kürzlich den Spielfilm des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda über das Massaker aus (siehe Kasten). Anschließend debattierte eine TV-Runde sogar über das Thema, und ein Teilnehmer forderte die unumwundene Anerkennung des russischen Mordes an den polnischen Offizieren und Intellektuellen.

Aus diesen Schritten einen grundlegenden Kurswechsel Putins im Umgang mit der Vergangenheit abzuleiten, wäre jedoch verfrüht. Immerhin ist auch möglich, dass es dem Ministerpräsidenten weniger um die wahrheitsgemäße Aufarbeitung von Geschichte geht und mehr um handfeste wirtschaftliche und außenpolitische Interessen.

Mit einer Annäherung an Polen könnte Putin versuchen, mehr Einfluss in der EU zu bekommen. Zudem ist er möglicherweise bemüht, die NATO-Ambitionen der Ukraine zu konterkarieren, auch wenn sie unter der neuen Regierung in Kiew erheblich nachgelassen haben. (Polen hat die Ukraine in ihrem Wunsch nach einer NATO-Mitgliedschaft stark unterstützt.) Schließlich könnte es Putin um Rohstofffragen gehen – die Aufweichung des polnischen Widerstands gegen die Ostsee-Pipeline nach Deutschland beispielsweise.

Das Treffen Tusks mit Putin in Katyn – es ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Noch besser wäre es, wenn es zu einem Neuanfang in den russisch-polnischen Beziehungen käme. Dass dies möglich ist, zeigt nicht zuletzt Polens Verhältnis zu Deutschland, das sich nach dem Krieg seinen Verbrechen im Nachbarland gestellt hat – in einem mühsamen und oft genug schmerzhaften Prozess.