Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 23.04.2010 22:00:00


Jürgen Roth ist ein renommierter Experte für organisiertes Verbrechen und Korruption in Deutschland. In zahlreichen Büchern hat der Bestsellerautor Machenschaften aufgedeckt. Mutiger Journalismus ist das.

Jürgen Roth ist ein Populist. Weil er seine Bücher verkaufen will, spitzt er gerne zu. Die Themenfindung richtet sich nach tagespolitischer Lage. Derzeit ist die Wut groß auf Banker und andere Wirtschaftsfunktionäre, also heißt sein neues Buch, das er am Donnerstagabend in Magdeburg vorstellt (allerdings erst im Mai offiziell erscheint), "Gangsterwirtschaft". Jürgen Roth wurde schon mehrfach wegen seiner Behauptungen verklagt – und hat Prozesse verloren, wie er während der Lesung in der Stadtteilbibliothek im Einkaufszentrum Flora-Park unumwunden einräumt.

Dem Autor zuzuhören ist, wie einen Krimi zu sehen. Der Mann kann stundenlang erzählen von Aufnahmeritualen der japanischen Mafia oder Verstrickungen deutscher Ermittler in Strukturen des organisierten Verbrechens. Roth ist mit seinem Investigativjournalismus zwar schon zu weit gegangen, dass er aber um die Wahrheit ringt, nimmt man ihm in seinen Büchern und auch am Donnerstagabend im Flora-Park ab.

Er sitzt vor rund 50 Zuhörern, darunter offenbar zahlreichen Polizisten oder Sicherheitskräften, die – das ergibt eine kleine, nicht repräsentative Umfrage – ziemlich viel von Roths Büchern zu halten scheinen. "Man kann ihn ja kritisieren", sagt ein Mann mit kurzem Haar und Jeansjacke. "Aber dass er die Lage in Deutschland ziemlich treffend schildert, davon bin ich überzeugt."

Demzufolge muss es dem Land ziemlich schlecht gehen. Laut Roth sind "Strukturen organisierter Kriminalität" schon weit hineingedrungen in die deutsche Wirtschaft. Politiker machten mit, oder schauten zumindest weg. Als ein Beispiel nennt Roth die Schlacht um die Opel-Übernahme. "Als dann endlich russiche Investoren gefunden waren, hat doch kein Mensch gefragt, wer die überhaupt sind", sagt Roth. Dabei sei allgemein bekannt gewesen: Dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska, der Opel in Verbund mit dem Zulieferer Magna übernehmen wollte, würden Verbindungen zum russischen Mafia-Clan Ismailowskaja nachgesagt.

Die deutsche Politik und auch die Wirtschaftselite stellten zu wenig Fragen. Der unbedingte Wille, Arbeitsplätze zu erhalten, führe zu oft zu Kritiklosigkeit, was wiederum bewirke, "dass viele Milliarden illegal erwirtschafteter Gelder in Deutschland investiert werden". Für die Demokratie des Landes sei das eine akute Gefahr.

Roth legt jetzt sein neues Buch beiseite. Er beginnt aus Unterlagen zu zitieren, spricht frei, auch über seine alten Bücher. Es geht um die Hells Angels, Prostitution oder Drogenhandel. Viele Themen in kurzer Zeit – der rund zweistündigen Veranstaltung verleiht das eine spannende Atemlosigkeit. Die Gedankensprünge sind aber auch problematisch, weil viele Fragen offen bleiben.

Der Autor spricht vom "Sachsensumpf", von der Giftmüllmafia und er erwähnt Namen. Günther Oettinger etwa, früher Ministerpräsident Baden-Württembergs und heute EU-Kommissar, der lange in einem zwielichtigen Restaurant verkehrt sei. Und gleich mehrfach erwähnt Roth Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der auch schon juristisch gegen den Journalisten vorgegangen ist – und Recht bekam. "Heute ist Schröder ja bekanntlich für den russischen Konzern Gasprom aktiv", sagt Roth. Ob dem Ex-Kanzler das vollständige Geschäftsgebaren dieser Firma eigentlich bekannt sei?

Auch über den sogenannten Sachsensumpf hat Roth geschrieben. Die Rede war dabei von korrupten Politiker- und Juristen-Netzwerken. Ein Untersuchungsausschuss in Sachsen fand wenig heraus. Doch Roth lässt nicht locker: "Es soll bald einen zweiten Untersuchungsausschuss geben."

Einen Schlagabtausch liefert sich der Journalist mit einer Juristin im Publikum, nachdem er Staatsanwälte, Richter und Rechtsantwälte hart angegriffen hat, weil viele von ihnen mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiteten. Die Frau zweifelt an Roths These, ein Richter hätte im Sachsensumpf bei der Vernehmung einer jungen Zeugin versagt. Vollständig widerlegen kann der Journalist die Argumentation der Juristin nicht. Er zitiert aber aus einem Papier, das offenbar belegt: Die Zeugin ist bei der Vernehmung unter erheblichen Druck gesetzt worden.

Und wie ist es um die Mafia in Sachsen-Anhalt bestellt?, fragt ein Besucher der Ver- anstaltung. Da wird die Zeit leider schon knapp, Roth fasst sich kurz. Italienische und russische Clans seien aktiv, unter anderem im Giftmüll- und Bauschuttgeschäft. Besonders demokratieschädigend sei, wenn organisiertes Verbrechen in legale Geschäftsbereiche vorstoße, beispielsweise Firmenanteile kaufe oder Ausschreibungen im Bauwesen beeinflusse.

Für Sachsen-Anhalt könne er auch das nicht ausschließen, sagt Roth und raschelt mit seinen Unterlagen.

Der Mann mit dem kurzen Haar und der Jeansjacke nickt.