Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 15.03.2010 23:00:00


Von Steffen Honig

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan sagt einen Schweden-Besuch ab, die Türkei zieht ihren Botschafter aus den USA ab. Scharfer diplomatischer Tobak, der den gleichen Grund hat: Die Parlamente in Washington und Stockholm haben jüngst per Resolution die Armenier-Massaker im Osmanischen Reich als Völkermord verurteilt (siehe Kasten).

Die Türkei sieht sich schwer verunglimpft. Die schwedischen und amerikanischen Parlamentarier haben wie zuvor ihre deutschen Kollegen und die anderer Länder in den Augen der türkischen Regierung einen Tabubruch begangen. Die armenische Tragödie war ein Teil des Ersten Weltkrieges und kein organisierter Genozid, so die unverrückbare Lesart Ankaras. Anerkannte Forschungen, wie die des deutschen Pfarrers Johannes Lepsius, sagen hingegen etwas anderes. Sie belegen den Völkermord.

Doch sowohl der US-Regierung als auch dem schwedischen Kabinett liegen die selbstbewussten Parlamentsentscheidungen schwer im Magen: Sie wollen keinen Ärger mit der Türkei und schon gar nicht durch einen Anlass. der beinahe 100 Jahre zurückliegt. Schadensbegrenzung lautet die Devise in Washington und Stockholm, weil beide Länder nicht zu Hindernissen eines Entspannungsprozesses werden wollen.

Denn es bewegt sich trotz der nicht bewältigten Geschichte seit geraumer Zeit etwas in den Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien. Ein zaghafter Versöhnungsprozess ist in Gang gekommen, der in der Öffnung der armenisch-türkischen Grenze gipfeln soll. Die ist seit 1993 geschlossen – eine Folge des Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan um Nagorny-Karabach. Damit kommt ein weiterer unbewältigter Konflikt ins Spiel.

Das wiederum ist kennzeichnend für den kompletten Kaukasus: Hier existieren eine Unzahl von Zerwürfnissen, offenen und verdeckten, die vielfach miteinander zusammenhängen. Diese Konflikte können sich schnell aneinander hochschaukeln. Oder miteinander abgebaut werden, was zur Stabilisierung der Gesamtlage in der Region beitragen könnte.

Genau diese Kettenreaktion erhofft sich die internationale Gemeinschaft von einer armenisch-türkischen Versöhnung Derzeit liegt Armenien eingeklemmt zwischen den Feindesländern Türkei und Aserbaidschan, was wirtschaftlichen Fortschritt verhindert (siehe Karte). Vertrauen kann die armenische Regierung nur in die Schutzmacht Russland setzen.

Kämen sich die Türkei und Armenien näher, wäre auch ein Friedensimpuls für Nagorny-Karabach möglich. In dem zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen Berggebiet herrscht zwar seit 16 Jahren ein Waffenstillstand, doch können die Kämpfe dort jederzeit wieder ausbrechen.

Der Gedanke einer solchen Brücke der Verständigung zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer klingt verlockend. Zumal diese auch nach Norden ausstrahlen könnte – auf das unruhige Georgien mit seinen abtrünnigen Gebieten Abchasien und Südossetien sowie den Flickenteppich der russischen Kaukasus-Republiken, in denen es auch nach Ende des Tschetschenien-Krieges erheblich gärt …

Die Realitäten stehen einer solchen Friedensvision allerdings entgegen. Die Verständigung zwischen Armenien und der Türkei kann in die Brüche gehen, bevor sie richtig begonnen hat. Aserbaidschan bleibt bisher bei absoluter Konfrontationspolitik gegenüber dem Nachbarn im Osten.

Was den Ausgangspunkt – den Umgang mit den Armenien-Massakern angeht – ist es an der Türkei, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Statt dessen wird ausländischen Parlamenten angelastet, sie würden zur falschen Zeit unnütz in der Geschichte herumrühren. Die Türkei hätte sich längst mit dem Armenier-Genozid auseinandersetzen können, nein müssen – Zeit dafür war fast 100 Jahre.

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