Europas Notenbanker stehen vor einem Dammbruch. Im Schuldenkrieg wollen sie erstmals Wunderwaffen einsetzen: negative Zinsen. Ein Instrument, das noch keine Notenbank in der Welt bisher eingesetzt hat. Eines steht schon jetzt fest, die Sparer werden die Opfer sein.

Welche Schwierigkeiten will die EZB bekämpfen?


Den Währungshütern um EZB-Präsident Mario Draghi ist die Inflation in der Eurozone mit im Mai nur 0,5 Prozent zu niedrig. Die EZB strebt eine Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent an. Eine zu geringe Inflation kann dazu führen, dass Unternehmen nur zögerlich investieren, weil es sich das für sie nicht rentiert. Das würde das Wirtschaftswachstum hemmen.

Ein Dorn im Auge der Währungshüter ist außerdem die derzeit zögerliche Kreditvergabe in den Krisenstaaten Südeuropas. Das bekommen vor allem kleine und mittlere Unternehmen zu spüren, die ohne Kredit keine Investitionen tätigen können.

Schließlich mag sich die EZB auch am zuletzt sehr starken Euro stoßen. Eine starke Gemeinschaftswährung verteuert Exporte und verbilligt Importe und hemmt dadurch ebenfalls das Wachstum. Nach 1,39 US-Dollar Anfang Mai notierte der Euro zuletzt bei 1,36 Dollar.

Was könnte am heutigen Donnerstag passieren?


Als so gut wie sicher gilt, dass die Währungshüter den mit 0,25 Prozent derzeit schon historisch tiefen Leitzins für die Eurozone weiter reduzieren. Analysten gehen von einem Absenken des Zinssatzes, zu dem sich die Banken bei der EZB mit Geld versorgen, auf 0,1 Prozent aus. Denkbar ist auch, dass das Direktorium einen negativen Einlagezins für die Geldreserven beschließt, die die Banken bei der EZB zwischenlagern. Experten rechnen mit einem Strafzins zwischen 0,1 und 0,15 Prozent. Banken sollen also keine Zinsen mehr kassieren, sondern eine Strafgebühr zahlen, wenn sie ihr Geld bei der Notenbank horten. Mit den Minuszinsen wollen die Währungshüter die Banken zwingen, ihr Geld als Kredite in die Wirtschaft zu pumpen.

Beobachter spekulieren außerdem über zweckgebundene Notenbank-Kredite. Um sich Geld bei der Zentralbank zu leihen, müssten Geschäftsbanken dann nachweisen, dass sie es auch für Kredite an Unternehmen verwenden. Auch könnte die EZB sich dazu entschließen, verbriefte Unternehmenskredite aufzukaufen, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Im Gespräch sind außerdem groß angelegte Anleihekäufe durch die EZB.

Wie würden diese Schritte wirken?


Mit der neuerlichen Leitzinssenkung und mit Anleihekäufen würde die EZB mehr Geld in den Markt spülen und somit versuchen, mit der Notenpresse die Inflation anzukurbeln. Der negative Einlagezins soll es für Geschäftsbanken unattraktiv machen, Geld bei der EZB zu parken. Nach dem Willen der Währungshüter soll das Geld stattdessen in Unternehmenskredite fließen. Ob das gelingt, ist aber offen, denn bisher hat es einen solchen Schritt noch nie gegeben. Auch die zweckgebundenen Notenbank-Kredite sollen die Kreditvergabe ankurbeln.

Was bedeuten solche Schritte für die Sparer?


Ein niedrigerer Leitzins bedeutet für Verbraucher weiter extrem niedrige Sparzinsen. Wenn zudem Draghis Plan aufgeht und die Inflation wieder anzieht, wird das für Sparer doppelt fatal: Das eigene Geld wird abgewertet und es gibt kaum Zinsen, die die Entwertung abfedern könnten.

Was bedeutet das alles für Verbraucher, die einen Kredit abzahlen?


Kredite bleiben weiter historisch billig. Die Hypothekenzinsen in Deutschland etwa stehen laut Bundesverband deutscher Banken schon jetzt auf einem Rekordtief. Möglicherweise werden sie sogar noch ein wenig weiter nach unten gehen. (AFP) Meinung