Hannover (dpa) l Beim Wettrennen um Personal in Zeiten des Fachkräftemangels zahlen die Firmen schon Kopfgeld nach dem Motto "Mitarbeiter werben Mitarbeiter". Gutes Personal scheint stärker denn je zum Wettbewerbsvorteil zu werden. Volkswagen hat seine Arbeitgeberattraktivität zum zentralen Unternehmensziel erhoben - neben Absatz, Rendite und Qualität.

Nur die beste Mannschaft macht die besten Autos

"Volkswagen findet heute viel leichter die richtigen Leute als vor zehn Jahren", berichtet VW-Personalvorstand Horst Neumann. Das hänge aber auch mit den ungewöhnlichen Entwicklungsmöglichkeiten in dem großen Konzern zusammen, mit möglichen Wechseln etwa zu Porsche oder Audi oder ins Ausland. Jedes Jahr ergründet VW die eigene Attraktivität in einem Stimmungsbarometer. 410000 Mitarbeiter - gut 70 Prozent der Belegschaft - machten dabei zuletzt 2013 mit. Beim Stolz auf die Produkte liege man schon heute über dem Index 90 und damit weit über dem generellen Ziel 85 (siehe Infokasten).

Bei VW ist die Rechnung einfach: Die besten Autos gibt es nur mit der besten Mannschaft.

"Es ist nicht mehr nur Angebot und Nachfrage", sagt Nelson Taapken, Partner beim Beratungs- und Prüfungskonzern Ernst Young (EY). Er beobachtet auch eine qualitative Verschiebung. "Früher ging es um Einkommen, Jobsicherheit und Aufstiegschancen. Nun überlegen junge Leute: Wem will ich überhaupt meine Arbeitskraft geben? Geld ködert dabei nur begrenzt. Taapken sagt: "Es geht um mehr Flexibilität und um Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Alternativen zur Präsenzkultur werden wichtiger, etwa die Chance auf Home Office."

VW setzt darauf, dass interne Zufriedenheit nach außen strahlt. 89,5 Prozent der Mannschaft sagen, sie arbeiten gerne bei VW. "Das spielt eine wichtige Rolle. Sie sagen es Freunden und Bekannten, und es verbreitet sich übers Internet", erklärt Neumann. Der "stärkste Magnet für Bewerber" aber sei das Ansehen der Autos. Autobauer haben es beim Rekrutieren leichter als Zulieferer. Daher müssen selbst Zulieferer mit großem Namen das Personalthema ebenso aktiv angehen wie Autohersteller.

Continental befragt seit Jahren Studierende und fand zuletzt heraus, dass fast zwei Drittel der angehenden Akademiker nicht der Karriere den größten Stellenwert einräumen, sondern Partnerschaft und Familie. Auch Freizeit ist äußerst wichtig. Dennoch glaubt die große Mehrheit, Karriere zu machen - jeder Zweite meint sogar, das gelinge daheim.

Ein Treiber dabei hat mit einer soliden Langfristperspektive zu tun. Die Uni Bamberg fasste 2009 in einer Studie zusammen: In der Regel verdient man gut ausgebildet nicht nur gut - man erbt auch gut. Die amtliche Statistik bestätigt, dass das Erbschafts- und Schenkungsvolumen hierzulande seit Jahren steigt. "In der Arbeitswelt rücken damit ganz andere Faktoren in den Vordergrund", sagt Taapken.

Der Autozulieferer Bosch feiert am 24. Juni einen "Aktionstag", bei dem es um die Vielfalt seiner Arbeitszeitmodelle geht. Die sollen helfen, "individuelle Karrierewünsche und private Ziele gut zu vereinbaren". Auch VW-Vorstand Neumann gibt zu bedenken, "dass beispielsweise bei geplanten Auslandseinsätzen die familiäre Situation oder der Beruf der Partnerin oder des Partners stärker berücksichtigt wird". Der Arbeitsdirektor hält fest: "Offensichtlich findet in den Familien und Partnerschaften ein Wandel statt."

EY-Mann Taapken sieht die Verschiebung sogar in ungewohnten Sphären. "Selbst Investmentbanker sind nicht mehr nur mit Geld zu kriegen."