Magdeburg (dpa) l Wulf Mohrmann wiegt den Kopf hin und her. Vor ihm auf einem Tisch stehen 15 Zentimeter hohe, gebogene Drahtgestelle. Sie sind auf einer Schneidematte festgeklebt. Die einen unvollendet, die anderen windschief. Er fixiert den kleinen Skulpturenpark und schmunzelt. "Was das ist?", fragt er. "Eine Garderobe. Viele Garderoben." Der Magdeburger Industriedesigner ist auf der Suche nach dem richtigen "Gesicht" für das Möbel, an dem einmal Jacken und Taschen hängen sollen. Wie das aussieht, weiß er noch nicht genau. Auf alle Fälle skulptural, so viel steht fest. "Es geht nicht um den Aha-Effekt", sagt der 36-Jährige. "Witz und Humor bei Möbeln gibt es, macht aber in diesem Fall keinen Sinn."

Doch die Garderobe muss warten. Und die Idee eines faltbaren Beistelltischchens aus Holz und einer Gummimatte auch. Ein Projekt führt den Möbeldesigner aktuell nach Hessen. Genauer gesagt an den Standort der Landespolizeifliegerstaffel in Egelsbach bei Frankfurt/Main. Das neue Dienstgebäude für 4,6 Millionen Euro soll anders werden. Gut drei Dutzend Räume soll Mohrmann einrichten - fernab von mausgrau und Buche hell. Vom Büro der Sekretärin über die Kantine bis zum Ruhe- und Konferenzraum. "Es geht um die Leute, die da jeden Tag drin arbeiten", sagt der gelernte Tischler, der in Deutschland und Belgien Industriedesign studiert und in Berlin und am Bauhaus Dessau gearbeitet hat. "Der Mensch soll intuitiv den Raum verstehen." Als auf Empfehlung eines Unternehmens für Büroeinrichtung im Juli der erste Anruf aus Hessen kommt, kann der zweifache Vater und Bach-Fan es kaum glauben.

Dass er dort offiziell nicht als Designer, sondern nur als Berater agieren darf, liegt in der Natur der Sache. "Da baut die öffentliche Hand, alles ist an Rahmenverträge gebunden." Deshalb gibt es auch Rahmenvertragsmöbel. Jene in mausgrau oder Buche hell - ohne große Vielfalt. "Da werden Tische und Stühle ausgesucht und keiner fragt sich: Was soll denn dieser Raum überhaupt machen? Wie lebenswert soll er sein?" Mohrmann will alles aus dem Gebäude rausholen. Die Mittel sind begrenzt, der Kreativraum ist es auch.

Er und die Akteure vor Ort suchen ihr Heil in Sonderregelungen. Im Oktober reiste der Designer für zwei Tage auf den Flugplatz Egelsbach. Er marschierte mit einem Stück Kinderkreide in der Hand durch den dreistöckigen Rohbau. Er studierte das Raumbuch, in dem beschrieben steht, wie jeder Raum im fertigen Zustand aussehen soll. Er prüfte die Materialen, die verwendet werden sollen.

Er zeichnete Umrisse an Wände und regte an, die als Baustellenbeleuchtung auf ein Holzbrett geschraubte Neonröhre für die Nachwelt zu erhalten. "Das Licht war einfach inspirierend." Mohrmann möchte gern, dass die Polizisten auf geschwungenen Stühlen sitzen und im Konferenzraum auf bunte, schrille Kunstwerke schauen. "Wer auf Abstraktes blickt, kann besser denken."

Wulf Mohrmann gehört zu den sieben Künstlern, die in den Tessenowgaragen der Stadt Magdeburg kreativ arbeiten. Etwa 50 Quadratmeter groß sind die Ateliers. Die Nutzer zahlen nur die Nebenkosten und keine Miete. Mohrmann werkelt dort an gradlinigen Möbeln, die sich durch Stil, zeitlose Funktionalität und Schlichtheit auszeichnen. So wie der Tisch "Black Jack" und das Containerregal "Landscape".

Seit 2005 kombiniert Mohrmann Handwerk mit Design. Innerhalb des 2012 gegründeten Netzwerks "deutschefritz" arbeitet er mit Gestaltern, Handwerkern und Produzenten zusammen. Geboren in Haldensleben, war seine künstlerische Laufbahn für ihn nicht vorherbestimmt. "Ich war Handwerker, habe das Abitur nachgeholt und als Konzertveranstalter Musiker nach Magdeburg geholt." Damals, in den wilden Neunzigern. Die Entscheidung für die hartumkämpfte Branche des Industriedesigns kam aus dem Bauch. "Ich weiß, ich weiß. Es ist eigentlich absolut bescheuert, sich für Möbel zu entscheiden", sagt er. Und lacht.