In den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) fehlten im Oktober 2010 in Deutschland fast 80 000 Fachkräfte. Die seit dem 1. Mai geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit für die Mitgliedsstaaten der EU biete laut randstad-Referent Alexander Spermann eine Chance, den bestehenden Fachkräftemangel abzufedern.

Magdeburg. In vier Punkten fasste Alexander Spermann, Mitglied der Geschäftsleitung des Zeitarbeitsunternehmens randstad, gestern in Magdeburg seine Strategie zur Problemlösung Fachkräftemangel zusammen. Neben den Ideen, ältere Arbeitnehmer länger zu beschäftigen, Vollzeitbeschäftigungen für Frauen attraktiver zu gestalten und dem Nachwuchs zu vermitteln, dass nach der Phase der Ausbildung die "lebenslange Weiterbildung" folgen müsse, bezog sich Spermann auf die seit 1. Mai geltende EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit. Spermann: "Qualifizierte Auswanderer erhöhen unseren Wohlstand."

Das Zeitarbeitsunternehmen randstad hatte gestern zum ersten "Arbeitsmarktfrühstück" in die Landeshauptstadt eingeladen.

"Migranten arbeiten tendenziell unter ihrer Qualifikation", stellte Spermann vor rund 50 geladenen Gästen aus der Wirtschaft fest. Problematisch sei in diesem Zusammenhang, dass die Anerkennung von im Ausland erworbenen Schul- und Berufsabschlüssen noch immer mit vielen Hürden verbunden seien.

Der Vorstoß der schwarz-gelben Bundesregierung mit der Erleichterung über das am 23. März verabschiedete Anerkennungsgesetz sei – wenn auch verspätet – begrüßenswert. Die Gesetzvorlage, die noch den Bundesrat und Bundestag passieren muss, sieht unter anderem für 350 nicht reglementierte Berufe eine Verpflichtung zur Bewertung der ausländischen Abschlüsse vor. Davon könnten fast 300 000 bereits in Deutschland lebende ausländische Fachkräfte profitieren.

Der Zuzug qualifizierter Menschen aus dem EU-Ausland sei laut Spermann nicht nur ein kurzfristiger Lösungsansatz. In der ersten Zuwanderergeneration befänden sich kaum Personen, die sich an Hochschulen einschrieben. "In der zweiten und dritten sind es aber schon mehr als ein Viertel", so Spermann. Und weiter: "Wenn wir ihnen die Chance geben durchzustarten, werden sie auch durchstarten."

"Fast jeder zweite Leiharbeiter war arbeitslos"

Die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit ermöglicht Menschen aus den EU-Mitgliedsstaaten, ungeachtet ihrer Herkunft, in anderen Staaten unter gleichen Voraussetzungen eine Beschäftigung aufzunehmen. Österreich und Deutschland hatten sich dieser Regelung gegenüber bis zuletzt abgeschottet, um einen Ansturm ausländischer Arbeiter auf den Arbeitsmarkt und damit eine Erhöhung der Arbeitslosenquote zu verhindern. Seit dem 1. Mai gelten auch in Deutschland und Österreich die Bedingungen der Freizügigkeit.

Etwas sparsamer optimistisch griff Per Kropp vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung das Thema Fachkräftezuwanderung auf. Zumindest für Sachsen-Anhalt würden die Zahlen zeigen, dass das Land im Vergleich zu Nachbarn wie Niedersachsen womöglich nicht attraktiv genug für Fachkräfte aus Polen und anderen EU-Ländern sein könnte. So rangiere Sachsen-Anhalt gemeinsam mit Thüringen auf den letzten Plätzen im Vergleich der Durchschnittslöhne. Das würde sich auch an einer anderen Messgröße ablesen lassen. Kropp: "In Sachsen-Anhalt und Thüringen wohnen im Ländervergleich die wenigsten Ausländer."

Allein im Vorjahr fehlten in den MINT-Fachbereichen fast 80000 Fachkräfte. Für die deutsche Wirtschaft wird darüber hinaus bis 2020 ein um fünf Prozent gestiegener Bedarf an Arbeitnehmern mit einem Fachhochschul- oder Universitätsabschluss prognostiziert. Eine Chance für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt sieht Kropp im vermehrten Einsatz von Zeit- und Leiharbeitern. Das Zeitarbeitsmodell sei geeignet, Arbeitslose wieder in das Berufsleben zu integrieren. Kropp: "Fast jeder zweite Leiharbeiter war vor seiner Anstellung arbeitslos."

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