Einen außergewöhnlichen Gottesdienst erlebten in der Gübser Kirche rund 30 große und kleine Gäste am Gründonnerstag. Sie machten sich mit dem jüdischen Pessach-Fest vertraut.

Gübs l Um den reich gedeckten Tisch stehen im Kreis die noch leeren Stühle. Doch wenige Minuten später treten Kinder mit ihren Eltern, Jugendliche, Erwachsen und ältere Gemeindeglieder durch die hölzerne Kirchentür, greifen sich ein Gesangsbuch und suchen sich einen Platz. Neugierig streifen die Blicke über die Tafel mit dem weißen Tischtuch, dem Fladenbrot, einem bräunlichen Mus und dem dunkelroten Saft. Über Teelichtern wärmt eine weiße Schale, die mit Alu-Folie abgedeckt ist.

Kurz vor 18 Uhr beginnt die Kirchenglocke zu läuten - sie wird noch mit dem Strick, also per Hand bedient. Während im Gotteshaus andächtige Ruhe herrscht, pendelt die Glocke langsam aus. Orgelmusik erklingt. Durch ein Kirchenfenster schickt die Frühlingssonne ihre abendlichen Strahlen und taucht den Gottesraum in ein honigfarbenes Licht. Der Biederitzer Pfarrer Johannes Henke ergreift das Wort und begrüßt rund 30 Gäste zu einem feierlichen, außergewöhnlichen Gottesdienst. Er erläutert, dass das Wort Pessach aus dem Hebräischen kommt, der Sprache Jesu, und übersetzt sich erinnern oder vorübergehen heißt. Uns jedoch ist es eher geläufig unter dem griechischen Passach. Passach übersetzten wir mit Leid oder leiden. "Wir denken an Jesu Leid und Tod am Karfreitag," sagt der Pfarrer.

Im biblischen Zusammenhang beendet dieses Fest die Knechtschaft Israels. Nachdem sich die Ägypter weigerten, die Hebräer ziehen zu lassen, kündet Gott ihnen nach neun erfolglosen Plagen die Tötung der Erstgeborenen von Mensch und Tier an. Um verschont zu bleiben, solle jede israelitische Familie abends ein männliches, einjähriges fehlerloses Jungtier von Schaf oder Ziege schlachten, mit dessen Blut die Türpfosten bestreichen und es dann braten und gemeinsam vollständig verzehren. An den so markierten Häusern werde der Todesengel in derselben Nacht vorübergehen (hebr. psa), während er Gottes Strafaktion an Ägypten vollstrecke. Danach drängt der Pharao die Israeliten zum Verlassen des Landes, worauf sie gemäß Gottes Anweisungen vorbereitet sind.

Noch heute wird das Fest in den jüdischen Familien und Gemeinden gefeiert in Erinnerung an die Flucht der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Es erinnert also an die Befreiung des Gottesvolkes aus der ägyptischen Knechtschaft durch Gott. "Auch Jesus,", so Johannes Henke, "er war ja Jude, feierte dieses Fest mit seinen Jüngern am Abend vor seiner Festnahme." Aus diesem Fest sei dann das Heilige Abendmahl hervorgegangen.

Das Fest ist mit einer Reihe Bräuchen verbunden, zum Beispiel mit bestimmten Speisen, die auf der großen Tafel in der Mitte der Gübser Kirche aufgebaut sind. Neben vielen leckeren Zutaten wie Fladenbrot und Charosset-Brotaufstrich zum Pessach-Mahl gibt es auch gebratenes Lammfleisch.

Diese Speisen tragen eine Symbolik in sich, die beim Fest deutlich wird. In den jüdischen Familien fragt der Sohn im Konfirmationsalter: Warum ist dieser Tag anders als die anderen Tage? Warum essen wir heute ungesäuertes Brot? Und der Vater antwortet, weil bei der Flucht aus Ägyten nicht genug Zeit war, den Teig säuern zu lassen. So erinnert der Charosset-Brotaufstrich an die Süße des freien Lebens. Dieser Aufstrich ist aus geriebenen Äpfeln, Feigen, Zucker, Zimt und Mandeln angerichtet worden. Die in Salz getauchten Kräuter erinnern an die Tränen der Not, der rote Traubensaft ist Ausdruck der Freude, in der Gemeinschaft zu sein. Das Fleisch dient der Stärkung.