Rund 100 Menschen waren zum Filmvortrag von Dietmar Müller gekommen, um einiges zu erfahren, das über Jahrezehnte im Verborgenen lag.

Gerwisch l Dietmar Müller, der bis vor einigen Jahren in Gerwisch lebte, haben die Vorgänge vom November 1961 nicht zur Ruhe kommen lassen. Es war etwas geschehen, aber keiner wusste etwas Genaues und keiner sagte etwas. Nur Gerüchte oder Vermutungen. Aber der junge Mann Siegfried Pump war weg.

Mehr als fünf Jahrzehnte später macht sich der Ortschronist Müller an das Thema heran. Es gibt einen Dokumentarfilm eines Fernsehsenders, Müller spürt Siegfried Pump auf, interviewt ihn.

Damals, am 22. November 1961, fasst er aus persönlichen Gründen den Entschluss, mit dem Alliiertenzug, der zwischen West-Berlin und Marienborn verkehrt und Gerwisch passiert, aufzuspringen. Möglich ist das, weil eine Baustelle zur Langsamfahrt zwingt. Pump greift den Haltebügel an der Zugtür, zieht sich auf das Trittbrett, der amerikanische Zugkommandant Norbert Grabowsky zerrt den jungen Mann in den Waggon. Doch der Fluchtversuch wird von einem Bahnbegleiter der Deutschen Reichsbahn bemerkt. Wird er schweigen?

Nein, er schweigt nicht, informiert seine Dienststelle. So ist für den Zug zunächst in Marienborn die Fahrt zu Ende. Die russischen Militärs verlangen die Auslieferung von Siegfried Pump. Der US-Leutnant und Zugkommandant Grabowsky verspricht dem jungen Mann, alles für ihn zu tun, denn zurück kann er nicht. Der Kommandat befiehlt den 74 an Bord befindlichen US-Soldaten, an den Waggons die Bremsen anzuziehen, damit der Zug nicht auf ein Nebengleis gezogen werden kann.

Bewaffnete russische Soldaten umstellen den Zug. Betreten dürfen sie ihn nicht, da er exterritoriales Gebiet der West-Alliierten ist. Um den Druck auf die Amerikaner zu erhöhen, erfindet die Stasi die Legende, Pump sei ein Verbrecher und müsse ausgeliefert werden.

Inzwischen wird versucht, höhere Ebenen in den Fall einzubezeihen. Beide Seiten warten auf Befehle. Doch die Amis tun sich schwer. US-Präsident John F. Kennedy hatte sich erst wenige Monate zuvor mit dem russischen Führer Chruschtschow getroffen. Das Verhältnis zwischen den Amerikanern und den Russen will er nicht belastet sehen. So befiehlt er, Siegfried Pump auszuliefern. Der wandert in den Stasiknast. Seine Flucht hatte auch später im Berufsleben ihre Auswirkungen. "Ich bekam immer die schlechteste Arbeit", sagt Pump im Filminterview. Pump lebt heute in einem kleinen Dorf in der Börde. Vor rund zehn Jahren haben er sich und seine amerikanischen Helfer aus dem Zug getroffen und die einstigen Orte des Geschehens aufgesucht. Zugkommandant Uwe Grabowsky sagt, dass er sehen wolle, wie es dem jungen Mann von damals geht. Grabowsky tat es leid, dass er sein Versprechen nicht einlösen konnte. Siegfried Pump wurde so zum einzigen DDR-Flüchtling, den die Amerikaner ausgeliefert haben. Über die Züge der Alliierten sollen im Zeitraum von zwei Jahren rund 200 bis 300 DDR-Bürger in den Westen gelangt sein. Doch alle schwiegen, um diesen Fluchtweg nicht zu gefährden.

Im Fahrtbericht der Deutschen Bahn ist zu dem Fall lakonische vermerkt: 855 Minuten Verspätung in Marienborn.

Als der etwa 50-minütige Film endet, gibt es Applaus. Aber auch Betroffenheut, Nachdenken, ein paar Fragen.

Warum Siegfried Pump trotzt der Ankündigung seiner Anwesenheit nicht gekommen sei. Ortsbürgermeisterin Karla Michalski muss berichten, dass es Gerwischer Bürger gäbe, die das mit kleinen Niederträchtigkeiten gegenüber Pumps verhindert hätten.

Friedrich von Witten ist unverständlich, warum das Verschwinden nicht aufgefallen ist. "Hat keiner die Frage gestellt?", fragt der einst aus dem Westen zugereiste von Witten. Karla Michalski reagiert: "Das war leider DDR-Alltag. Die Stasi war allgegenwärtig. Wir haben geschwiegen und haben es doch gewusst. Es war ein Geheimnis, ohne eines zu sein."

Da auf dem Film von Dietmar Müller viele Urheberrechte liegen, ist er unverkäuflich. Man könne zum Beispeil für Schulen eine Ausleihe organisieren. Der dramatische Fall Pump gehört zur Geschichte Gerwischs.

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