Das war ein Novum in der Geschichte des Kalbenser Stadtrates. Dessen Vorsitzender Gerhard Gansewig wurde am Donnerstagabend vom Abgeordneten Steffen Lötge zur Disziplin ermahnt. Zuvor hatte es eine emotionale Debatte zum Dorfgemeinschaftshaus Vahrholz gegeben. Gansewig ist Vahrholzer.

Kalbe l Sonst ist er es, der streng auf die Einhaltung der Geschäftsordnung achtet, doch am Donnerstagabend vergaß der Stadtratsvorsitzende Gerhard Gansewig kurz dieses Regelwerk - und ein Stück weit auch sich selbst. Das jedenfalls wurde ihm hinterher indirekt von Abgeordneten vorgehalten. Und am Ende entschuldigte sich Gansewig sogar.

Was war passiert? Eigentlich stand das Thema "Wiederherstellung Dorfgemeinschaftshaus Vahrholz" auf der Tagesordnung der Stadtratssitzung. Und Vertreter des Vereins "Vahrholzer 09", der sich ums Gebäude kümmert, waren dazu zahlreich im Rathaus erschienen. Doch dann wurde das Thema auf Antrag der Abgeordneten Melissa Schmidt und mit einem Stimmenverhältnis von elf Ja- zu neun Nein-Stimmen von der Tagesordnung gekippt. Schmidt begründete ihren Antrag damit, dass dem Stadtrat keine konkreten Zahlen vorliegen würden und deshalb nach ihrer Ansicht kein Beschluss gefasst werden könne. Das Thema müsse erst in die Ausschüsse. Die Mehrheit des Stadtrates sah dies offenbar ähnlich.

"Ich fühle mich hier erpresst, denn ich habe keine Fakten."

Stadtrat Steffen Lötge

Unterstützung erhielt Schmidt auch von Steffen Lötge. Der meinte gar mit Blick auf den Stadtratsvorsitzenden und auf Bürgermeister Karsten Ruth: "Ich fühle mich hier erpresst. Denn ich habe keine Fakten, sondern nur verbale Äußerungen." Aber auf dieser Basis könne und wolle er nichts entscheiden, so Lötge.

Das wiederum brachte Gansewig sichtlich in Wallung. Er ist schließlich Vahrholzer und engagiert sich auch im Verein "Vahrholzer 09", weshalb die Frage der Befangenheit bei einem Beschluss ohnehin noch zu klären gewesen wäre. Seit einem Explosionsgeschehen am 5. Februar sei das Dorfgemeinschafthaus nun schon nicht mehr nutzbar, erinnerte er. Das Dach sei nur mit einer Plane abgedeckt. "Und das Dorfleben ist jetzt plattgemacht worden", fügte Olaf Matys als Vertreter der "Vahrholzer 09" an.

Das große Problem sei, so Gansewig in einer sehr emotionalen Rede, dass erst bei Begutachtung der Explosionsschäden deutlich geworden sei, dass es Wurmfraß in der Dachkonstruktion gebe. Und dieser Schaden, der nicht von der Versicherung abgedeckt werde, müsse nun einmal zuerst behoben werden. "Mit dem Einzug neuer Balken", erklärte Bürgermeister Ruth in Bezug auf die aktuellste Einlassung eines Statikers, "ließe sich die Begehbarkeit des Gebäudes aber wieder herstellen." Das Ganze würde etwa 6500 Euro kosten. Das hätten Schätzungen von Fachleuten ergeben, die aber erst wenige Stunden alt seien und daher nicht früher vorzulegen gewesen seien. Von der Versicherung, die die Explosionsschäden zu begleichen habe, "liegt uns hingegen bis heute nichts vor", so Ruth.

"Die Arbeiten am Dach sind aber Voraussetzung für alles andere", betonte Gerhard Gansewig. "Insofern ist es mir unverständlich, dass man hier so auf Regularien pocht. Das Ganze ist doch wirklich ein Sonderfall", meinte er an die Adresse derer, die erst einmal schwarz auf weiß Zahlen sehen wollen, bevor sie ihre Zustimmung zu Baumaßnahmen erteilen. Und an die Vertreter der "Vahrholzer 09" gerichtet, sagte Gansewig sogar: "Der Verein kann sich das nicht gefallen lassen. Das Gebäude steht in vier Wochen immer noch so da wie jetzt."

Dies wiederum wollte sich Steffen Lötge nicht gefallen lassen. Er forderte Gerhard Gansewig auf, Disziplin zu halten. Außerdem sagte er: "Ich bin nicht bereit, mir hier die Schuld für irgendetwas geben zu lassen." Eine so wichtige Entscheidung wie die Wiederherstellung eines Gemeinschaftshauses bedürfe einer ordentlichen Vorbereitung. Und auch der Bürgermeister erinnerte den Stadtratsvorsitzenden bei dieser Gelegenheit an die Einhaltung der Geschäftsordnung und daran, dass die Einwohnerfragestunde nicht für langwierige Debatten wie diese genutzt werden könne.

"Wir hatten dort einen Zustand erreicht, der uns zufriedengestellt hat."

Eckhard Wolff, Verein "Vahrholzer 09"

Eckhard Wolff als Vertreter der "Vahrholzer 09" ging allerdings noch einmal kurz auf die Vielzahl an Eigenleistungen ein, die der Verein für das Gemeinschaftshaus erbracht hat. "Wir hatten dort einen Zustand erreicht, der uns alle zufriedengestellt hat. Das ist vorbei. Bis jetzt haben wir aber Glück gehabt, dass es noch nicht so stark geregnet hat. Ansonsten wäre nämlich auch das Inventar hinüber. Wir haben es leider versäumt, dafür eine Versicherung abzuschließen", so Wolff. Und Olaf Matys ergänzte: "Wir haben gedacht, dass hier heute der Wiederaufbau beschlossen wird und dann umgehend mit der Beseitigung der Schäden begonnen werden kann." Doch da sahen sich er und seine Mitstreiter letztlich getäuscht.

Laut Bürgermeister wird das Thema nun erst wieder am 20. März behandelt. Dann tagt der Hauptausschuss, der dem Stadtrat eine Empfehlung gibt. Dieser wiederum kommt dann erst am 10. April zusammen.