Sie ist seine Hand, seine Stütze und seine Bewacherin - ohne Labradorhündin Nala wäre Andreas Guba zuweilen ganz schön aufgeschmissen. Dass die beiden zu einem echten Team wurden, ist ein Glücksfall, der einem Unglücksfall folgte: Die Geschichte eines tapferen Letzlingers und seines klugen Hundes.

Letzlingen l Es gibt Tage, die vergisst man nie, auch wenn man sie am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen würde. Für Andreas Guba ist es ein Herbsttag vor gut vier Jahren. Der änderte sein Leben von Grund auf.

Schon am Vorabend quält sich der damals 28-Jährige Letzlinger mit Schmerzen herum. "Da dachte ich aber noch, ich hätte mir nur einen Nerv eingeklemmt." Am nächsten Tag jedoch hat er urplötzlich das Gefühl, als hätte er ein Messer im Rücken. Dann beginnen die Finger zu kribbeln. Arme und Beine werden taub. Plötzlich kann er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Seine Ehefrau Anja Guba-Quint - die beiden haben erst kurz zuvor geheiratet und sich in Wolfsburg niedergelassen - ruft den Rettungswagen. Der kommt, aber erst nach einer gefühlten Ewigkeit. Die Rettungssanitäter gucken schon so komisch. Etwa drei Stunden später, im Wolfsburger Klinikum, erfährt die junge Wissenschaftlerin warum: "Zwei Ärzte kamen zu mir und haben mich gefragt, ob Andreas Drogen genommen hat." Ihre Beteuerung, dass ihr Mann keinerlei Drogen, egal welcher Art, konsumiere, nehmen ihr die Mediziner aber offensichtlich nicht so recht ab. Dabei hat bereits ein Drogenscreening kein Ergebnis gezeigt. Und auch eine spätere Röntgenuntersuchung des Kopfes bleibt ohne Befund. Das alles aber erfahren die beiden erst später. Viel später. Viel zu spät.

"Der Schock kommt erst später!"

Da liegt Andreas Guba nach einer Fahrt im Rettungswagen bereits im Olvenstedter Krankenhaus. Viele Stunden sind vergangen, als die Ärzte der Familie endlich die Diagnose mitteilen. Mittlerweile sind auch seine Eltern, Birgit und Michael Guba, am Krankenbett ihres Sohnes eingetroffen. Und sie alle hören fassungslos, was ihnen die Mediziner mitteilen: Andreas Guba hat eine Spinal-kanalischämie erlitten. Einfacher gesagt, sei das "so etwas wie ein Schlaganfall im Rücken". Das sei sehr selten, klären die Ärzte auf. Für eine Behandlung sei es nun aber zu spät. Dafür bleibe nach dem Eintreten der Lähmung nur ein Spielraum von vier, maximal sechs Stunden, und die sind lange vorbei.

"Der Schock kommt erst später", sagt der gelernte Schweißer und Sandstrahler. "Zwei, drei Tage habe ich nichts gefühlt, habe nicht geschlafen", erinnert er sich. "Ich weiß noch, ich habe immer an meinen Onkel gedacht, der auch im Rollstuhl sitzt." Zunächst einmal liegt er im Krankenhaus und kann nur seinen Kopf bewegen. Richtig begreifen kann er seine Situation noch nicht. Auch das Annehmen kommt später. Erst einmal wird Andreas Guba nach Hamburg in ein spezielles Querschnittszentrum verlegt. An was sich insbesondere Anja Guba-Quint dort erinnert, sind "arrogante Ärzte". Doch deren vorherrschender Meinung - "Er wird ja eh nie wieder laufen können" - stellt sie sich tapfer entgegen: "Und er wird wieder laufen", hält sie einem der Mediziner irgendwann wütend entgegen. Der Stress, die Angst und die Frage nach der Zukunft machen auch die taffeste Ehefrau mürbe. Doch Andreas Guba kämpft gleichzeitig mit ihr an seiner eigenen Front. Durch die hervorragende Physiotherapie kann er nach sechs Monaten sein rechtes Bein wieder bewegen. Auch die Arme und die Finger werden nach und nach wieder "wach". Genau wie sein Lebensmut.

"Alle unsere Ersparnisse waren weg."

Der allerdings wird immer wieder auf die Probe gestellt. Da ist die absolut komplizierte Wohnungssuche in Hannover, wo Ehefrau Anja in einem wissenschaftlichen Institut arbeitet und ihren Mann natürlich in ihrer Nähe haben will. Eine rollstuhlgerechte und bezahlbare Bleibe zu finden, gestaltet sich als extrem schwierig. "Ihr Mann sitzt im Rollstuhl, sie sind also Alleinverdienerin?", diesen Satz hört Anja Guba-Quint mehr als einmal.

Dazu kommt der völlig unerwartete Kampf mit der Krankenkasse und der Versicherung. Rund eineinhalb Jahre dauert es, bis Andreas Guba überhaupt eine Erwerbsunfähigkeitsrente erhält. Die private Berufsunfähigkeitsversicherung will zunächst gar nicht zahlen. Es geht um Spitzfindigkeiten. Die Gerichtsverhandlungen dauern insgesamt vier Jahre. Zwei Anwälte wollen "offensichtlich nur abkassieren" und erreichen gar nichts für das junge Paar. "Alle unsere Ersparnisse waren weg", erinnert sich Anja Guba-Quint, "man ist so machtlos, man kennt sich im Medizinrecht als Laie ja nicht aus. Und irgendwann hat man dann auch keine Kraft mehr."

Erst der dritte Anwalt, den die beiden einschalten, bringt die Sache zum Abschluss. Es geht ja auch darum, die Hilfsmittel zu finanzieren, die Andreas Guba im Alltag braucht. "Die erste Zeit in unserer neuen Wohnung war ich nur eingesperrt", erinnert er sich, "und ich musste alles neu lernen."

Von der Krankenkasse bekommt er dann allerdings problemlos eine Pflegestufe zuerkannt. Und so wird Andreas Guba auch Kunde in einem Sanitätshaus und trifft dort zum ersten Mal auf jemanden, der einen Rollstuhlbegleithund hat. Die Frau ist Mitarbeiterin in dem Geschäft, und ihre Labradorhündin weicht nicht von ihrer Seite. Brav liegt die unter dem Tisch, "und auf einmal hat die Frau zu ihr gesagt, sie soll ihr mal die Handschuhe ausziehen", erinnert sich Guba.

"Die Vorstandsmitglieder sind alle Rollifahrer."

Staunend schaut er damals zu, wie geschickt das Tier ihr hilft. "Und da bin ich dann auch auf den Hund gekommen", sagt der heute 33-Jährige und grinst. Denn mittlerweile liegt auch unter seinem Tisch ein Hund. Seine Nala. Und auch sie weicht ihm nicht von der Seite, wird, wenn es nötig ist, sein verlängerter Arm, sein Transporthilfsmittel, seine Aufpasserin.

So einen Hund anschaffen, das geht allerdings nicht mal einfach so. Einen ausgebildeten Rollstuhlbegleithund kann man zum einen ja nicht einfach kaufen. Zum anderen muss die Anschaffung und die Haltung in einer Stadtwohnung in der Familie ja auch erst besprochen werden. Last but not least kostet ein solches Tier auch viel Geld.

In dieser Hinsicht allerdings ist Hilfe möglich, wie ihnen die neue Freundin mitteilt. Und so nehmen die Gubas zunächst einmal Kontakt zu dem Verein Apporte auf, der dabei hilft, Assistenzhunde - so der korrekte Name - zu finanzieren und auch Rollstuhlfahrer mit dem österreichischen Partnerverein zusammenzubringen, der solche Hunde ausbildet.

Die Gubas sind beeindruckt von der Arbeit des Vereines Apporte. "Die Vorstandsmitglieder sind übrigens allesamt selbst Rollifahrer", erzählt Andreas Guba.

Gemeinsam mit seiner Frau fährt er dann schließlich auch selbst nach Österreich, wo beide die Züchterin und Trainerin Elisabeth Färbinger kennenlernen, die sich eine Weile mit dem Paar unterhält. Denn nicht nur der Hund muss zum Herrchen, auch das Herrchen muss zum Hund passen. Immerhin sind Mensch und Tier 24 Stunden täglich zusammen. Und die Menschen, denen die Österreicherin einen ihrer Hunde anvertraut, will sie deshalb auch selbst kennenlernen. "Denn der Hund widmet dir sein ganzes Leben, für uns ist das aber nur ein Bruchteil unserer Zeit", sagt Guba.

"Und ich habe so auch wieder eine Aufgabe."

Zwischen Färbinger, seiner Frau und ihm funkt es allerdings sofort. Alle drei sind sich sympathisch. Und so bekommt Andreas Guba auch kurz darauf die gute Nachricht: Es wird für ihn einen Begleithund geben. Der muss aber erst ausgebildet werden.

Und nun beginnt eine spannende Zeit. Fast ein bisschen so, wie wenn sich Familienzuwachs ankündigt. Denn zum einen dauert die Ausbildung Monate, im Extremfall sogar bis zu zwei Jahren. Zum anderen muss auch das Herrchen im Vorfeld einiges lernen. Allein 50 Grundkommandos beherrscht das Tier nämlich, mehrsprachig übrigens. Bei der Ausbildung können allerdings auch Sonderwünsche berücksichtigt werden - je nach Art der Behinderung.

Als der große Tag endlich da ist, sind die Gubas ziemlich aufgeregt. Am Ende ist die erste Begegnung mit ihrer Nala aber so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Andreas Guba und die Labradorhündin sind von Anfang an ein Herz und eine Seele. Und auch die Prüfung, die er vor Ort ablegen muss -denn auch Herrchen muss sich beweisen - besteht er mit Bravour. Nala darf mitkommen.

Mittlerweile können sich weder Guba selbst noch seine Ehefrau die Hündin aus ihrem Leben wegdenken. Nala ist nämlich nicht nur eine echte Hilfe in Gubas Alltag, ist seine Stifte- oder Schlüssel-Aufheberin, die Fernbedienungs-Holerin, die Lichtschalter-Anmacherin und sogar die Zudeckerin, wenn sich Guba mal hinlegen will. Nala ist sozusagen der Pflegedienst, den Guba nun nicht mehr braucht. Und sie ist auch ein sehr verschmuster Hund.

Wenn es ernst wird, darf sie allerdings nur auf einen hören, und das ist ihr Herrchen. Damit das so bleibt, muss Guba regelmäßig mit dem Hund trainieren. "Und ich habe so auch wieder eine Aufgabe", sagt er. Denn ob er will oder nicht: Hängenlassen gilt nicht. Nala muss üben und auch regelmäßig raus.

Eine Aufgabe hat Andreas Guba zudem im Verein Apporte gefunden, den er nun auch aktiv unterstützt. Denn er weiß, wie sonst keiner, welche Hilfe ein Assistenzhund sein kann.

Dass mit Nala ein Stück neuer Lebensmut zurückgekehrt ist, gibt Guba unumwunden zu. Heute gelingt es ihm sogar, auch in seinem Schicksal das Glück zu erkennen. "Wäre der Schlaganfall zum Beispiel zwei Millimeter höher gewesen, hätte ich heute beatmet werden müssen", sagt er. "Schön zu sehen" sei auch, dass die Familie noch näher zusammengerückt sei, sagt Anja Guba-Quint nachdenklich. "Man wird auch demütiger, weiß die kleinen Dinge wieder mehr zu schätzen."

Apropos klein. Es gibt noch was "Kleines", das den Gubas Auftrieb gibt. Denn es ist Nachwuchs unterwegs. Dass sich Söhnchen oder Töchterchen Guba super mit Nala verstehen wird, dessen sind sich die künftigen Eltern übrigens absolut sicher.

Das Spendenkonto des Vereines: Apporte - Assistenzhunde für Menschen im Rollstuhl e.V. ; IBAN DE21 2505 0180 0900 0948 30 BIC SPKHDE2HXXX

   

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