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Von Philip Najdzion

Köckte. Die Wende traf Henry Seiler unvorbereitet. Sie war ein Bruch in seiner Biografie - wie bei vielen. Er saß damals im Vorstand der LPG Mieste. "Ich wollte die LPG eigentlich retten", erinnert er sich an die Enttäuschung, die er als "junger Bengel" empfunden hatte, als die Genossenschaft aufgelöst wurde.

Seiler hatte Instandhaltungsmechaniker beim KFL Wolmirstedt gelernt, machte anschließend seinen Landwirtschaftsmeister und arbeitete bei der LPG Mieste als Schlosser. Bis 1992 - Seiler wurde arbeitslos. Aber nur kurz, bis er in Braunschweig einen Job als Lkw-Fahrer bei einer Tiefbaufirma bekam. Fast zehn Jahre arbeitete er dort. Doch der Firma sei es nicht gut gegangen. Seiler musste sich umorientieren. Seit 2002 ist er in Calvörde bei einem Safthersteller als Anmischer tätig.

Auch privat war die Zeit um die Wende bedeutend für ihn. Er kam mit seiner Frau Elke zusammen. "Beim Silvestertanz 1988 hat\'s endgültig gefunkt", erinnert er sich schmunzelnd. Ihr Sohn Sebastian wurde 1990 geboren, Tochter Sophia kam 1994 auf die Welt. Die junge Familie kaufte sich 1996 in Köckte ein Haus.

Es ist die ehemalige Schule des Dorfes. Im heutigen Partyraum war einst der Klassenraum. "Wo früher gelernt wurde, wird heute gefeiert", sagt Seiler. An der Wand hängen Modelle von Bierlastern - eine kleine Sammelleidenschaft des 44-Jährigen, obwohl er kaum Bier trinke. Aber wenn er einen Kasten kaufe, dann nur mit Laster, erzählt er.

Im Flur zur Stube hängt ein Bild. Es zeigt die Stelle, wo der Wilhelmskanal in die Ohre fließt. "Da habe ich als Kind viel gebadet", sagt Henry Seiler. Ein waschechter Altmärker sozusagen.

1966 wurde er in Krügerhorst geboren - zuhause. Es war eine Zwillingsgeburt. Schwester Silke kam zuerst. Seine Eltern hatten bereits vier Töchter. Anderthalb Stunden nach Silke kam er: "Der Thronsohn war da."

Seine Eltern Irmgard und Otto waren Genossenschaftsbauern. Henry Seiler ging zehn Jahre lang in Mieste zur Polytechnischen Oberschule.

"Als ich elf war, ist meine Mama gestorben. Das war natürlich nicht einfach", erzählt er. Die Kinder mussten auch deshalb früh in der Landwirtschaft mithelfen. Und ein bisschen ist bis heute davon übriggeblieben, denn neben dem Haus hat Seiler seinen kleinen Garten. "Wir kaufen uns keine Kartoffeln", erzählt er. Er baue Gemüse und Obst selber an: "Dafür geht viel Zeit drauf."

Aber der Garten ist nicht sein einziges Hobby: Henry Seiler holt eine kleine Tupper-Box unterm Tisch hervor. Ein Haufen Eintrittskarten sind darin. Er ist Fußballfan. Die meisten Karten sind blau-weiß. "Magdeburg ist mein Verein", sagt er.

Doch sein Schatz ist eine rote Karte mit der Signatur eines ehemaligen Bayern-Stürmers. "Das ist die original Unterschrift von Roy Makaay", erzählt Seiler. Denn in der Bundesliga drückt er den Bayern die Daumen ebenso wie den Dortmundern. "Obwohl manche sagen, das geht nicht". Wenn eines der Teams in der Region spielt, ist er natürlich dabei. Außerdem begeistert er sich für Skispringen.

Selber treibt der Köckter allerdings kaum Sport. Seiler fährt aber gerne zum Bowling mit Freuden und Familie. Die Familie sei ihm ohnehin sehr wichtig. Mit seiner Frau helfe er zum Beispiel oft seinem Schwiegervater Hermann Giggel.

Politisch ist das CDU-Mitglied eher unerfahren. Seit 2004 ist er als Gemeindevertreter in Köckte engagiert. Im neuen Rat will er sich vor allem in der Sozialpolitik einsetzen. "Ich kämpfe für die Kinderbetreuung."

Wenn er darüber spricht, gestikuliert er mit den Händen. Sofort ist ihm anzusehen, wie sehr ihm die Sache am Herzen liegt. "Ich kann sehr impulsiv werden", sagt Seiler. Besonders, wenn ihm ein Thema wichtig sei, könne er auch schon mal laut werden. 1997 schloss Köckte den kommunalen Kindergarten. Er habe mit anderen den Verein Abenteuerland gegründet, der die Trägerschaft übernahm. Heute ist Seiler dessen Vorsitzender.