Zum 121. Geburtstag des Genthiner Schriftstellers gab es am Sonnabend das vierte "Edlef Köppen"-Kolloquium. Im Kreismuseum Jerichower Land sprachen das Ehepaar Ziehr aus Wilhelmshorst und Dr. Bernd Ulrich aus Berlin über den "Heeresbericht" im Kontext zeitgenössischer Kriegsdarstellung und das Trauma Erster Weltkrieg.

Genthin l "Der Feind trommelt, der Regen gießt. Das Wasser im Loch steigt langsam", trug Schauspieler Hans-Jochen Röhrig aus Wilhelmshorst eindrucksvoll einen Auszug aus dem "Heeresbericht" Köppens vor. Die Szene wird durch die Beschreibung für das Publikum erlebbar.

Soldaten sitzen sich im Schützengraben gegenüber und erleben das "Trommelfeuer" des Feindes. Wenn das Knie des gegenüber zuckt oder das Kinn näher zur Brust gezogen wird, bedeutet es `Ich lebe noch`. Beim vierten Kolloquium in Genthin referierten Dr. Wilhelm Ziehr, Schriftsteller und Kunsthistoriker aus Wilhelmshorst und seine Frau Dr. Antje Ziehr über "Entstehung und Wirkung des Heeresberichtes im Kontext zeitgenössischer Kriegsdarstellungen". Begleitet wurde der Beitrag mit Zitaten zeitgenössischer Autoren, Kritikerstimmen und Passagen aus dem Köppen-Roman, gelesen von Schauspieler Röhrig.

"Wenige Autoren erlangten bleibende literarische Bedeutung mit ihren Kriegsdarstellungen."

Dr. Wilhelm Ziehr, Schriftsteller und Kunsthistoriker, Wilhelmshorst

An den Auflagenziffern der literarischen Werke mit der Thematik des Ersten Weltkrieg könne man die Tragweite der Schilderungen nicht festmachen. "Es gab wenige Autoren, die mit ihren Kriegsdarstellungen bleibende literarische Bedeutung erlangten", so Dr. Wilhelm Ziehr in seinen Ausführungen. Schriftstellerkollegen wie Gottfried Benn, Kurt Tucholsky, Ernst Toller und Oskar Loerke setzten sich mit Köppens Werk trotz gegensätzlicher Weltanschauungen auseinander. So sagte Kurt Tucholsky über den "Heeresbericht": "In der Schilderung Köppens (...) ist einfach wiedergegeben, was sich da begeben hat." Der Journalist und Schriftsteller Axel Eggebrecht, der Köppen persönlich kannte, stellte nach der Lektüre des "Heeresbericht" für sich persönlich fest, "wie viel wir wussten und wie wenig wir davon wissen wollten" und spricht damit die Verdrängung von Kriegswahrheit an.

Dr. Antje Ziehr, die den Vortrag weiterführte, richtete den Blick auf andere literarische Werke der Zeit. Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" zeige eine ähnliche Sichtweise wie Köppens Werk. Auch er schildert seine Kriegserlebnisse als Kriegsfreiwilliger und Stoßtruppführer. Im Gegensatz zum Genthiner Schriftsteller erzielte er eine Auflage von 150 000 Exemplaren, der Heeresbericht kaum 10 000.

Die zeitgenössische Kritik erkannte die Eigenständigkeit des Heeresberichtes zwischen anderen Kriegsdarstellungen. Die Germanistik und die Literaturwissenschaft hätten jedoch lange gebraucht, um Köppens Werk zu entdecken, machte Dr. Antje Ziehr zum Ende des Vortrages deutlich. Erst mit den Jahren gewann der "Heeresbericht" an Bedeutung.

1939 gab es eine niederländische Ausgabe, 2006 eine französische und 2008 auch noch eine italienische Version. "Eine erste Magisterarbeit zum Thema der Montagetechnik in Köppens Roman ist erst 2011 erschienen." Weniger um Köppens persönliches Schicksal, aber dafür um den Umgang mit Kriegserlebnissen ging es im anschließenden Vortrag von Historiker und Autor Dr. Bernd Ulrich aus Berlin.

"Es ist (nervlich) alles möglich, zu allen Zeiten während des Ersten Weltkrieges."

Dr. Bernd Ulrich, Historiker und Autor, Berlin

"Es ist alles möglich zu allen Zeiten des Ersten Weltkrieges", fasste er zu Beginn seines Beitrags zum Thema "Nerven behalten! Das Trauma Erster Weltkrieg" zusammen. Er richtete dabei "einen Blick von oben auf den Nervenkrieg" und stellte verschiedene Sichtweisen von Nervenzusammenbruch bis hin zu unbändigem Siegeswillen heraus. Anhand von Helmuth Moltke, ein Generaloberst der preußischen Armee, und Erich Ludendorff, Mitglied der Obersten Heeresleitung, skizzierte Ulrich zwei Menschen, die mit ihren Erlebnissen des Ersten Weltkrieges unterschiedlich umgingen. Moltke war schon bei Ausbruch des Krieges nervlich gebrochen und von verzweifelter Stimmung, während Ludendorff gegenüber den Ereignissen kühl und kalkulierend auftrat.

Die Nervenstärke der deutschen Bevölkerung, an der Front und in der Heimat, war eng mit dem Hochhalten von Moral und Siegeswillen verknüpft. So glaubten selbst im Frühjahr 1918 einige Soldaten noch immer an den Sieg, so Ulrich. Wankelmütigkeit der Männer wurde mit Nervenleiden oder der damals Frauen zugeschriebenen Hysterie begründet und einigen Soldaten wurde vorgeworfen, sie würden simulieren.

   

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