Nach einer Bauzeit von 22 Monaten ist Haus 8 des AWO Fachkrankenhauses Jerichow feierlich eingeweiht worden. Noch diesen Monat soll die akutpsychiatrische Station zur Therapie und Behandlung von geistig behinderten Menschen hier einziehen. Diese war zeitweise in Haus 13 untergebracht.

Jerichow l "Das ist das erste Mal, dass wir es nicht rechtzeitig geschafft haben, ärgerte sich Architekt Ulrich Kirchner. Ein Teil des Wandschutzes im unteren Bereich und damit zusammenhängend der Elektroinstallation fehlte noch. Zeitraubende und wenig sinnhafte Diskussionen um Brandschutzvorschriften trugen dazu bei, weiterhin der lange, kalte Winter 2012/13 und indirekt auch sehr das Hochwasser.

Aber obwohl wenige Tage zuvor alles noch nach Großbaustelle ausgesehen haben soll - jetzt war bis auf diese wenigen Reste wirklich alles so perfekt, dass die Besucher beim späteren Rundgang nur staunen konnten. Und es waren viele Besucher, denn das Angebot an die Öffentlichkeit, das umgebaute und erweiterte Haus zu besichtigen, fand große Resonanz.

Haus 8 sei eines der ältesten Häuser auf dem Krankenhausgelände, erklärte Verwaltungsleiterin Ursula Bauer. Es wurde 1903 übergeben. Über 90 Jahre lang sei nach einigen anfänglichen Sanierungsmaßnahmen baulich nichts verändert worden. "Es wurde natürlich renoviert, repariert und viel improvisiert, aber die Struktur des Hauses mit vier großen Schlafsälen, acht kleineren Schlafsälen, zentralen Sanitäranlagen und sehr wenigen Therapie- und Behandlungsräumen ist geblieben."

Damals habe es im Haus stets 60 bis 70 Krankenhausbetten gegeben - auf der Fläche ohne den Anbau. In manchen Zimmern, auch Durchgangszimmern, standen zehn und mehr Betten. Als dann statt zehn nur noch fünf Betten im Zimmer waren und die Wohnungen oben zu Therapieräumen wurden, sei das "guter neuer Standard" gewesen, erinnert Ursula Bauer an jene Fortschritte.

Heute gibt es nur noch Ein- und Zweibettzimmer, alle mit eigenem Bad, daneben die verschiedensten Therapieräume, einen wunderschönen Snoezelraum zum Entspannen, gemütliche Sitzecken und ein auf die besonderen Bedürfnisse abgestimmtes Freigelände. Durch den Anbau wurde die Nutzfläche von 960 auf 1 820 Quadratmeter erweitert. Alles ist behindertengerecht oder zumindest behindertenfreundlich gebaut und besticht durch ein mutiges, schönes Farbkonzept, wie an diesem Tag viele anerkennend bemerkten.

Der leitende Chefarzt Joachim Müller berichtete Interessantes darüber, was sich in 110 Jahren nacheinander in diesem Haus befand: Bis Mitte der 90-er Jahre blieb es den Männern vorbehalten. In den Jahren 1939 bis 1945 sei die Anzahl der psychisch Kranken hier deutlich zurückgefahren worden, weil Plätze für das Lazarett gebraucht wurden, für Lungenkranke unter anderem.

Im Jahr 1998 sei die Tradition der Doppelbehandlung wieder aufgegriffen worden: Oben in Haus 8 in der damaligen geschlossenen Abteilung wurden Patienten mit Tbc oder Verdacht auf Tbc behandelt, die psychisch auffällig waren. 2002 sei dann aufgrund immer höherer Auflagen auf die Fortführung dieses Projekts verzichtet worden.

Die deutliche Verringerung der Patientenzahl auch hier im Haus war eine Folge der Enthospitalisierung, erinnerte Joachim Müller. Neben dem Krankenhaus entstand separat das Heim. Nun war Platz für erste Umbauten, die in den Etagen nacheinander erfolgten.

Chronisch kranke und geistig behinderte Patienten wurden in Haus 8 in den vergangenen Jahren vorrangig behandelt. "Wir griffen diese Herausforderung auf und entwickelten diese eigene Station gerade für diese Menschen." Fertige Konzepte habe es dafür nicht gegeben. Von Spezialstationen bundesweit habe man sich einiges abschauen können und sei in entsprechenden Arbeitskreisen integriert. "Dank eines hervorragenden, engagierten Teams hat sich Haus 8 trotz vorübergehenden Aufenthalts in Haus 13 zu einer weit über unser Versorgungsgebiet hinaus bekannten, breit vernetzten, hochspezialisierten Behandlungsstation für Menschen mit geistiger Behinderung entwickelt!"

Stationsärztin Cornelia Binder erläuterte, wie ihr Team dieses Haus künftig mit Leben erfüllen will. Die Rate für psychische Störungen sei bei geistig Behinderten deutlich erhöht. Seit etwa 1995 sei damit begonnen worden, für diese Menschen eine eigene Behandlungsstrategie in Angriff zu nehmen. Diese Station sei nun auf die Behandlung von geistig behinderten Patienten mit oder ohne seelische Erkrankung ausgerichtet. Patienten ab 18 bis etwa 60 Jahren werden aufgenommen, vorrangig aus Sachsen-Anhalt, aber auch aus anderen Bundesländern. Die Dauer der Behandlung ist sehr unterschiedlich - von kurzen Kriseninterventionen bis hin zur Langzeitbehandlung über mehrere Monate.

Ziele der Behandlung seien unter anderem das Erlernen und Festigen von sozialen Kompetenzen, die Optimierung der Gruppenfähigkeit und die Optimierung der medikamentösen Therapie. Im Vordergrund stehe auch das Erlernen von Alltagskompetenzen.

Dass ein Angebot wie dieses hier noch lange nichts Selbstverständliches ist, unterstrich Dr. Gabriele Theren vom Ministerium für Arbeit und Soziales. Eine Psychotherapie sei für den größten Teil geistig behinderter Menschen sehr, sehr schwer erreichbar. Sie dankte deshalb den Ärzten und Therapeuten hier sehr dafür, dass sie bereit seien, sich dieser Herausforderung zu stellen.

   

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