Genthin l Die hellen Stimmen des Genthiner Frauenchores werden im Lindenhof nicht mehr erklingen. Die Vorsitzende Ingrid Schulz erklärt, warum die Damen zum Proben in die Begegnungsstätte "Damals HO" gezogen sind: "Wir fühlten uns im Lindenhof nicht mehr wohl. Der große Saal war nicht geheizt, wenn wir zu Beginn der Probe die Heizung anmachten, war es zum Ende der Probe erst warm." Außerdem fehlte den Frauen die Bewirtschaftung.

"Früher konnten wir Bockwurst oder Suppe bestellen, nun wird nichts mehr verkauft", sagt Ingrid Schulz. Die Begegnungsstätte hat im Mai in der Gröblerstraße eröffnet. Inhaberin ist die ehemalige Lindenhof-Wirtin Marina Krause. "Mir hat die Arbeit mit den Vereinen immer Spaß gemacht. Jetzt versuche ich es auf eigene Faust", sagt Krause, die mit der Begegnungsstätte den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Ingrid Schulz sagt über die neuen Proberäume: "Wir bleiben hier. Weil der Raum kleiner ist, klingen wir besser und brauchen nicht so zu schreien. Und Bockwurst und Suppe gibt es hier auch wieder."

Auch im Lindenhof gäbe es Bockwurst und Suppe. Allerdings lässt der neue Besitzer Sebastian Haas erst bewirtschaften, wenn dabei genug Gewinn für ihn abfällt. Von einem Mindestverbrauch von 100 Euro sei die Rede gewesen, sagt Ingrid Schulz. "Das ist zu viel für den Frauenchor."

"Traurig", ist Sebastian Haas, dass die Vereine das Angebot der Stadt nicht annehmen. Zur Erklärung: Die Stadt Genthin mietet den Lindenhof an zwei Tagen in der Woche. In dieser Zeit soll das Vereinsleben in den Räumen des 130 Jahre alten Gebäudes weitergehen. Dafür zahlen die Vereine 5 Euro pro Stunde an die Stadt. "Es gibt heutzutage nichts umsonst", sagt Haas.

Zur fehlenden Bewirtschaftung der Vereine sagt er: "Für mich muss es sich eben auch rechnen. Ich habe Personal- und Materialkosten, wenn ich dort jemanden einsetze, der Essen und Trinken verkauft. Dieses Geld muss wieder reinkommen." Ansonsten gibt es für die Vereine auch die Möglichkeit, dass sie sich selbst versorgen. Sebastian Haas hat den Lindenhof im Frühjahr von der Stadt gekauft und kräftig in den Umbau investiert. Der Raum ist fertig, Anfang Oktober geht voraussichtlich die erste Feier über die Bühne. "Gemacht werden jetzt noch die Außenanlagen", so Haas.

Treffpunkt für die Selbsthilfegruppe nach Krebs wird der Lindenhof nach seiner Fertigstellung ebenfalls nicht mehr sein. Die Vorsitzende Sylvia Jörs sagt: "Unter den Umständen konnten wir uns dort nicht mehr treffen." Den Mindestumsatz von 100 Euro verbraucht die Gruppe nicht. "Wir mussten unseren Kaffee selber kochen und durch die Umbauarbeiten stand uns der Wintergarten nicht mehr zur Verfügung." Jörs kritisiert die Organisation in der Übergangszeit: "Wir mussten die Toiletten selbst reinigen. Für uns als Selbsthilfegruppe funktioniert das dort nicht mehr." Die Gruppe ist ebenfalls in die Begegnungsstätte von Marina Krause ausgewichen.

Genauso wie die Ortsgruppe Stadtmitte/Altenplathow der Genthiner Volkssolidarität. Vorsitzende ist Brigitte Schmälzlein. Die Gruppe spielte im Lindenhof Rommeé und traf sich zum Seniorennachmittag.

"Seit Januar hatten wir einen Schlüssel, mussten aber alles selber mitbringen", sagt Schmälzlein. Auch sie kritisiert die fehlende Bewirtschaftung. "100 Euro kommen weder bei den Rommeédamen noch bei den Treffen der Volkssolidarität zusammen." Auch die Tische mussten von den Senioren gestellt werden und sie waren für das Ausfegen zuständig. "Wir sind alle um die 80, das können wir nicht leisten."

In die Gröblerstraße hätte man zwar eine kompliziertere Anfahrt, "mit dem Stadtbus funktioniert das aber ganz gut", sagt Schmälzlein.Rückblick: Ende 2013 hatte die Qualifizierungs- und Strukturförderungsgesellschaft (QSG), die für die Bewirtschaftung im Lindenhof zuständig war, den Vertrag mit der Stadt gekündigt. "Eine logische Konsequenz", sagt Bürgermeister Thomas Barz und begründet: "Der QSG wurden nach und nach die Mittel durch die Stadt gekürzt. 2003 gab es noch 127 000 Euro, im Jahr 2010 waren es noch 87 000 Euro, 2015 wären es nur noch 50 000 Euro gewesen." Die Konsequenz: Die QSG zog sich zurück, die Stadt verkaufte an Sebastian Haas.

"Der Verkauf rettet das Überleben des Lindenhofs, die Alternative wäre Schließung gewesen", sagt Barz. Und stellt klar: "Die finanziellen Mittel, ihn so schön zu machen, wie er nach dem Umbau jetzt ist, hätte die Stadt nicht gehabt."

Für die Vereine hätte man bestmögliche Konditionen ausgehandelt: Nach dem Umbau ist der Lindenhof weiterhin barrierefrei erreichbar, Vereine können die Räumlichkeiten an zwei Tagen pro Woche nutzen und Veranstaltungen der Stadt finden dort statt. Zum Beispiel das Wirtschaftsgespräch am 25. September und das Jobmeeting am 20. November.

"Schade drum", sagt Barz zum Auszug der Vereine. Anfragen von anderen Vereinen, zum Beispiel einer Tanzgruppe, lägen aber vor. Außerdem gibt es auch Vereine, die dem Lindenhof treu geblieben sind. Die Tischtennisgruppe um Günter Sander zum Beispiel. "Die Zeit, in der umgebaut wurde, kann man nicht als Maßstab nehmen", sagt Sander. "Jetzt ist alles fertig, jetzt geht es wieder los", sagt er voller Vorfreude. Die Gruppe spielt einmal in der Woche im Lindenhof Tischtennis. Die fehlende Bewirtschaftung stört laut Sander nicht. "Wenn ich zum Sport gehe, nehme ich meine Getränke mit."

Auch die fünf Euro Miete, die die Stadt kassiert, sind für Sander realistisch. "Woanders müssten wir auch eine Raummiete bezahlen."