Der Countdown läuft. Am Sonnabend beginnen die Landesliteraturtage. In einer fünfteiligen Serie stellen wir bis zum Eröffnungstag Autoren aus der Region vor. Und zeigen auf, welche Programmpunkte Sie erwarten. Den Anfang macht die Jerichower Malerin und Lyrikerin Luise Winkelmann.

Genthin/Jerichow l "Lyrische Rückschau einer Greisin." So hat Luise Winkelmann ihre Lesung im Rahmen der Literaturtage überschrieben. Greisin? Luise Winkelmann ist 92 Jahre alt, Greisin passt trotzdem nicht zu der schlanken Frau mit gut frisiertem schwarzem Haar. Greisin - das Wort wollten auch die Organisatoren der Landesliteraturtage nicht über die Lesung Winkelmanns schreiben. "Lyrische Rückschau einer glücklichen alten Frau" sollte die Überschrift lauten. Greisin, oder gar nicht, sagte die Künstlerin. Und bekam ihren Willen. Einig war man sich bei dem Begriff Rückschau. Kein Wunder. Luise Winkelmann hat viel erlebt, auf das sie zurückschauen kann. Das sieht man schon beim ersten Blick in ihr Kaminzimmer, welches sie auch als Arbeitszimmer nutzt. Die Möbel sind aus Holz, wirken alt und wertvoll. Skulpturen finden sich im gesamten Haus. Und natürlich Bilder. Im Kaminzimmer hängt eine Bleistiftzeichnung einer alten Frau. "Das ist meine Schwester, kurz vor ihrem Tod gemalt", sagt Luise Winkelmann. An der Wand findet sich ein weiteres Bild. Es zeigt Winkelmann mit Mitte 30. Eine schöne Frau, stilsicher gekleidet und frisiert. "Eine herrliche Zeit", sagt Luise Winkelmann und blickt zurück:

Verheiratet war sie mit Dr. Matthias Winkelmann, der nachdem er aus sibirischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, im Jerichower Fachkrankenhaus Ärztlicher Direktor wurde. 30 Jahre Ehe beschreibt Luise Winkelmann so: "Glück, rauschende Feste, unbeschwerte Jahre, Tagungen, Reisen, Glück." So zeigt es auch das Bild der jungen Luise an der Wand. Die Arztgattin, die alles hatte.

Und doch - auch ihr blieb vieles verwehrt. Kinder zum Beispiel "Ich konnte keine kriegen. Trotz medizinischem Fortschritt, trotz aller Bemühungen", sagt sie. Bitterkeit sucht man in ihren Worten vergebens. Heute ist sie mit diesem Schicksal versöhnt, damals bedeutete es für sie "Grauschleier, Einsamkeit und geheime Tränen".

Doch die positiven Erinnerungen aus dieser Zeit überwiegen. Winkelmanns wohnten in der Wohnung der Klinik. "Ein Riesenladen - und nur wir zwei darin", sagt Luise Winkelmann und lächelt. Sie erzählt von rauschenden Festen und schicken Empfängen. 30 Jahre war die Wohnung an der Jerichower Klinik ihr Zuhause.

Im Alter sollte es noch einmal etwas anderes sein. Das Haus am Ortseingang Jerichows entdeckten die Eheleute gemeinsam. "Wenn wir unser russisches Angeberauto, einen Wolga, tanken fuhren, sahen wir gegenüber der Tankstelle immer dieses Haus. Das wäre was fürs Alter, hat mein Mann dann oft gesagt."

Auch das gemeinsame Altwerden mit ihrem Mann blieb Luise Winkelmann verwehrt. Er starb 1979, mit 60 Jahren, an einem Gehirntumor.

"Auf einmal stand ich allein da, sehr allein", sagt die Witwe. Trauer und eine schwere Depression folgen und bestimmen die nächsten zwei Jahre im Leben Luise Winkelmanns, die damals gerade 58 Jahre alt war.

"Ich spürte irgendwann neben der Trauer Neugier, Ehrgeiz und Eitelkeit", beschreibt sie ihren Weg aus diesem Loch. Mit knapp 60 Jahren startet sie eine Karriere als Künstlerin. Auch auf diesen späten Durchbruch schaut die "Greisin" in ihrer Rückschau. Und noch viel weiter zurück: Geboren wurde sie 1922 im Erzgebirge. Dort entdeckte sie ihr lyrisches Talent, begann zu schreiben und zu malen. "Die Gebirgsmenschen haben mich inspiriert, sie malten, schrieben, schnitzten, klöppelten, waren unheimlich kreativ."

Mit 59 Jahren, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, begann für Luise Winkelmann eine lange Lehrzeit mit Seminaren und Lehrgängen. Außerdem erwarb sie psychotherapeutische Fähigkeiten, nutzte das Malen als Therapie und zeigte auch anderen den Weg durch die Kunst aus der Krise. "Ausstellungen mit meinen Bildern brachten mir Bestätigung. Was man erreichen kann, wenn man der Neigung zur Selbstschonung nicht nachgibt." Ein weiterer Meilenstein war die Bekanntschaft mit Dorothea Iser. Die Schriftstellerin brachte Winkelmann zum Schreiben. Und die "Spätstarterin" sog die Hinweise der "studierten Künstlerin" auf. Nur einmal hört sie nicht auf die Frau, deren Rat ihr stets teuer war. Die Überschrift "Rückschau einer Greisin" fand auch bei Dorothea Iser keine Gnade. "Ich weiß, dass ich nicht wie eine Greisin wirke", sagt Winkelmann und streicht ihren bunt bedruckten Mantel, der ihr schlichtes, schwarzes Outfit perfekt in Szene setzt, zurecht. "Aber gerade diesen Widerspruch, diese Reibung, finde ich interessant."

Luise Winkelmann bewohnt heute das Haus am Jerichower Ortseingang gegenüber der Tankstelle. Ein neuer Mann ist hier nie eingezogen. "Mein Leben als Frau Winkelmann war wunderschön. Eine Partnerschaft hatte ich erlebt. Auf eine neue war ich nicht neugierig, ich war neugierig auf mich. Auf das, was ich aus eigener Kraft schaffen kann."

Viel hat sie aus eigener Kraft geschaffen, das zeigen die Bilder, die überall im Haus hängen. Allein war sie hier nie, denn sehr spät erfüllte sich Winkelmanns Kinderwunsch doch noch. "Ziehkind" Christel bereichert seit etwa 40 Jahren ihr Leben... Mehr über Christel und von Luise Winkelmann gibt es im Rahmen der Landesliteraturtage.

Lesung "Lyrische Rückschau einer Greisin": 29. 9., 19 Uhr, alte Schule, Brettin und 30.9., 18.30 Uhr, Schloss Zerben