Kurz vor seinem 85. Geburtstag starb im Sommer der langjährige Superintendent des Kirchenkreises Burg und Hohenseedener Pfarrer Folker von Reinerdorff. Mit dem Buch "Späte Gespräche" hat Martin von Reinersdorff seinem Vater nicht nur ein Denkmal gesetzt, sondern auch Zeitgeschichte aufgeschrieben.

Burg/Genthin l Nein, schreibt Martin von Reinersdorff im Vorwort seines Buches, sein Vater habe es immer abgelehnt, eine Autobiografie zu schreiben. Er habe die Sorge gehabt, dass seine Erinnerung nicht mehr so gut sei oder dass er vieles zu subjektiv bewerten würde.

Die Gespräche mit Weggefährten von Reinersdorffs, die sich inhaltlich über die Ereignisse der 1950er bis 1990er Jahre erstrecken, übernehmen nun die Rolle eines Korrektivs zur eigenen Erinnerung - eine interessante Herausforderung für den zeitgeschichtlich interessierten Leser.

Zwölf Gespräche auf Augenhöhe zwischen von Reinersdorff und seinen Weggefährten haben in das Buch Eingang gefunden, allesamt anrührend individuell, aussagefähig und im Sinne des Autors zielführend. Sie zeichnen insgesamt ein Bild des Lebenswerkes von Folker von Reinersdorff ohne ihn zu überhöhen, aber dennoch mit großem Respekt vor seiner Lebensleistung.

Die Gespräche erörtern die großen Themen seines Lebens, gleichsam exemplarisch für eine ganze Generation. Übrigens ein großes Verdienst des Autors. Er lässt die Gespräche nicht nur für sich stehen, sondern moderiert, beschreibt und kommentiert, was die einzelnen Gespräche nicht allein auf Frage und Antworten reduziert.

Wie ein roter Faden zieht sich die deutsche Teilung und ihre Folgen, auch für die Kirche, durch das Buch. Ausführlichen Raum erhält in den Gesprächen die ungewollte Entfremdung zwischen den beiden deutschen Staaten, der von Reinersdorff den Dialog entgegensetzt.

Sensibel und facettenreich halten von Reinersdorff und seine Gesprächspartner eine Rückschau und gestatten sich auch eine persönliche Bestandsaufnahme. Sachlich und ehrlich. "Jedes Gespräch ist anders" - stellte von Reinersdorff fest und gerade das macht das Reizvolle an diesem Buch aus.

Ob ein Gespräch mit dem ehemaligen Diplomaten Götz von Boehmer, das mehr auf Fragen der offiziellen Ost-West-Politik abgestellt ist.

Ob die Rückkehr seines Schwagers Martin Meyer aus dem Westen zur heimischen Scholle, für die der nachdenkliche Titel "Ich bin hier und ich bin doch nicht hier" gewählt wurde. Ob ein Dialog mit Hannes Urmoneit, einst Probst in Magdeburg zum Traum des "Verbesserlichen Sozialismus".

Oder über das Misstrauen der Bevölkerung bei der Rückkehr der von Ostaus, Dretzel, der von Wulffens, Wüstenjerichow: Reinersdorff gelingt das Kunststück, nicht in den Gesprächen zu dominieren, obwohl er doch eigentlich die Hauptperson sein sollte.

Diese Gespräche leben von der Vielfalt der Aussagen, Gedanken und Meinungen. Gespräche auf Kernsätze zu reduzieren, wäre dabei einfach nicht angebracht. In diesen zwölf Gesprächen wird deutlich, was Glauben für den evangelischen Pfarrer Folker von Reinersdorff bedeutete, der Zeit seines Lebens zutiefst in gesellschaftspolitischen Fragen verortet war. Reinersdorff klagt nicht über die Umstände, unter denen er in der DDR sein Amt als Pfarrer ausgeübt hat. Vielmehr scheint er immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage zu sein, ob er im Sinne der Menschen und Christen richtig gehandelt hat.

Martin von Reinersdorff erinnert sich noch an das Gespräch zwischen Werner Seidel, Theologe aus Fürstenwalde, und seinem Vater über ihre Erfahrungen aus dem kirchlichen Arbeitskreis "Arbeit auf dem Lande". Der Hohenseedener Pfarrer leitete diesen Arbeitskreis in der gesamten DDR von 1970 bis 1977. Bei diesem Gespräch, so Martin von Reinersdorff, sei sofort Vaters theologische Grundhaltung deutlich gewesen, schreibt er. "Sein Ziel war es, die Leute zum Reden zu bringen." Der Leser spürt in diesem Buch immer wieder Passagen auf, in denen sich Reinerdorff hinterfragt, ob er genügend Widerstand zu DDR-Zeiten geleistet habe. Der Pfarrer findet in den Gesprächen keine endgültige Antwort darauf und sein Sohn Martin schreibt: "Wie schon so oft in den Gesprächen scheint es mir, dass es in der Situation unheimlich schwer gewesen sein mag, die Grenze zwischen richtig und falsch zu erkennen."

"Späte Gespräche" gibt tiefe Einblicke in deutsch-deutsche Befindlichkeiten der letzten Jahrzehnte und leistet damit auch ein Stückchen "Wendearbeit".

M. v. Reinerdorff: Späte Gespräche, Ein DDR-Pfarrer und seine Weggefährten. Kinzel- Verlag Dessau, ISBN 978-3-95544-014-5, 15,90 Euro