Über 50 Jahre Zeitgeschichte hat Horst Blasius (75) aus Schlagenthin mit seiner Kamera festgehalten. Tausende Bilder bezeugen dies. Der Volksstimme war er viele Jahre als Berichterstatter verbunden. Jetzt kramt er in seinen Erinnerungen.

Schlagenthin/Genthin l Wenig erinnert in dem kleinen Raum, den sich Horst Blasius im Nebengebäude seines Eigenheimes als Fotolabor eingerichtet hatte, an die Geschäftigkeit, die hier einst herrschte. Eilig räumt er die alte Foto-Technik aus den Schränken, um die ihn mittlerweile Liebhaber beneiden dürften. "Hier habe ich viele Stunden zugebracht, auch meine Frau musste am Trockner zupacken, wenn die Aufnahmen vom Morgen am Abend fertig sein mussten."

Horst Blasius ist so etwas wie das fotografische Gedächtnis des Altkreises Genthin. Im Rampenlicht hat er nie gestanden, hielt aber das offizielle, als auch das private Leben seiner Mitmenschen für die Nachwelt im Bild fest.

Allein in der Volksstimme hat er seit den 1950er Jahren bis kurz nach der Wende Tausende Bilder veröffentlicht. Mit seinen beiden Praktika, seinerzeit teure Spiegelreflexkameras, die mit allen Extras ausgestattet waren, war er für diese Aufgabe bestens ausgestattet.

Angefangen hat für ihn alles, als er schon als Lehrling die Ergebnisse der Handballspiele aktuell am Sonntagabend der Redaktion in Burg telefonisch übermittelte. Dann kam Blasius zur MTS, anschließend zum Landwirtschaftsrat und dort zum Büro für Neuererwesen und Agrarpropaganda. "Letzeres war nichts anderes, als für die Zeitung zu schreiben und zu fotografieren", sagt der 75-Jährige. Das habe ja noch den positiven Nebeneffekt gehabt, etwas nebenbei verdienen zu können. "Denn sehr viel haben wir seinerzeit nicht verdient".

"Schnell mal einige Zeilen, das war kein Problem für mich."

Die Karriereleiter hat der Schlagenthiner in seiner Dienststellung nie erklommen, obwohl er noch ein Fachschulstudium aufnahm. Doch damit, blickt er zurück, habe er "sehr gut leben" können. "Mich hat auch nie jemand bedrängt, in die Partei einzutreten, wahrscheinlich weil meine ganze Verwandschaft im Westen lebte."

Blasius zehrt auch viele Jahre nachdem er die Kamera und das Schreibzeug aus den Händen gelegt hat, von den Begegnungen mit Land und Leuten, vom Minister bis zum Genossenschaftsbauern.

"Schnell mal einige Zeilen für die Volksstimme auf Zuruf - das war kein Problem für mich", lacht er zufrieden.

Aus der Ablage kramt der Senior auch Aufnahmen von einst namhaften Besuchern aus Magdedeburg und Berlin hervor, die später in die Turbulenzen der politischen Wende geraten sind. Aber auch Aufnahmen von Hochzeiten, die im privaten Auftrag entstanden sind, gehören zu dem Blasius-Fundus. "Na, wer ist das?", fragt er, um gleich selbst zielsicher und voller Freude die Antwort geben zu können. Dann fällt ihm noch eine Fotografie in die Hände, die den Wildschweinforscher Heinz Meynhardt abbildet, als er in freier Natur gerade einen Schwarzkittel füttert. "Das war vielleicht aufregend. Hier habe ich im Auto sitzend fotografiert", erzählt ein faszinierter Blasius, der sich auch der Jagd als Hobby verschrieben hat.

Viel und lange kann Blasius über diese Zeit plaudern und kommt dabei auch nicht an Begrifflichkeiten vorbei, die für eine Vergangenheit stehen, die zweifellos ihre Ecken und Kanten hat...

Bilder für die "Straße der Besten" im Format 50 mal 50 habe er anfertigen müssen, oder zeichnete für den "Blumenstrauß der Woche" verantwortlich, mit dem Kollektive nach staatlicher Vorgabe geehrt wurden. Wer weiß schon heute noch etwas von den Filmaufnahmen, die im Schlagenthiner Klub der Jungen Techniker gedreht wurden. Nicht zu vergessen die legendären "Ernteschlachten", über deren Darstellung wohl ausnahmslos jeder DDR-Bürger witzelte. Blasius nimmt sich lächelnd zurück, wenn Ehefrau Renate, die ebenfalls in der Landwirtschaft tätig war, seine Darstellung über die sogenannten Ernteschlachten unterbricht. "Die Betriebe haben da Erträge gemeldet, soviel Acker hatten sie gar nicht. Unter uns machte immer der Satz die Runde: Hauptsache fünf Prozent der Berichterstattung stimmt, dann ist das schon gut", erinnert sich Renate Blasius.

"Heute lässt mich die Fotografiererei wirklich kalt."

Heute liegen die vielen Blasius-Aufnahmen aus vergangenen Jahrzehnten verstaut in großen Pappkartons in dem ehemaligen Fotolabor. Archiviert sind sie nicht. "Den einzigen Verwendungszweck, den ich noch für die Fotos habe, ist es, ihre Rückseite als Schmierzettel zu benutzen", sagt Blasius allerdings auch ohne Wehmut. "Heute lässt mich die Fotografiererei kalt." Der ehrenamtliche Job als Bürgermeister, jetzt als Ortsbürgermeister Schlagenthins und das eine oder andere Hobby lassen ihm keine Zeit mehr dafür.

Bei Geburtstagsfeiern und privaten Anlässen seien die Anfrage groß, noch einmal in der großen alten Fotokiste zu stöbern. Dieser Bitte käme er gern nach.