Jerichow (khu). Gestern besuchte Rosemarie Dizner (SPD) das Jerichower Fachkrankenhaus. "Wenn ich Wahlkampf mache, scheint immer die Sonne", freute sich die Landtagskandidatin bei der Begrüßung durch Volker Raudszus über das schöne Wetter. Als Verstärkung hatte sie Sachsen-Anhalts Minister für Gesundheit und Soziales, Norbert Bischoff, mitgebracht. Die heitere Stimmung wich schnell einer ernsteren. Als ersten Programmpunkt sahen sich die Gäste die Ausstellung zum Thema "Euthanasie und Eugenik - Das AWO Fachkrankenhaus Jerichow in der Zeit des Nationalsozialismus" an.

"Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann für die damalige Landesheilanstalt Jerichow, heutiges AWO Fachkrankenhaus, eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Psychiatrie", erklärte Projektleiter Jan Bartelheimer. "Das große Ziel war der Erhalt der Hochwertigkeit sowie die Verbesserung der Rasse", so Bartelheimer. Er zeigte auch Einzelschicksale auf: Da wäre beispielsweise Otto S.: 1923 erhielt er die Diagnose Schizophrenie, 1936 kam er in die Jerichower Landesheilanstalt. 1940 findet sich in seiner Akte der Vermerk "in eine andere Anstalt verlegt". Im selben Jahr wurde er in der Gasmordanstalt Brandenburg getötet. Sein trauriges Schicksal teilten etwa 930 Patienten der Jerichower Landesheilanstalt. Insgesamt fielen laut Bartelheimer etwa 70 000 Deutsche dem Streben nach "einer Rasse ohne Kranke" zum Opfer. Viele von ihnen wurden in Gaskammern, von denen sie dachten, es wären Duschkabinen, getötet. "Es war auch an der Tagesordnung, missgebildete Neugeborene etwa durch eine kleine Dosis Morphium zu ermorden."

"Die Ausstellung macht betroffen und wütend", sagte Rosemarie Dizner. Sie lobte das Engagement der Arbeiterwohlfahrt (AWO). "Diese Ausstellung können nicht genug Schulklassen besuchen."

Auch Norbert Bischoff fand lobende Worte: "Zu informieren und zu erinnern ist wichtig, damit sich so etwas nicht wiederholen kann."

Dr. Norbert Pfau hatte sich die Ausstellung ebenfalls noch einmal angesehen. Der ehemalige Chefarzt des Fachkrankenhauses: "Als ich 1967 hier begann, habe ich viele ältere Kollegen nach ihren Erfahrungen gefragt. Aber darüber sprach man einfach nicht. Das war ein Tabu-Thema." Umso wichtiger sei es, durch solche Projekte aufzuklären.

Das sei auch das Hauptanliegen der Ausstellungsmacher: "Wir wenden uns gegen die Mentalität des Schlussstrich-Ziehens und wollen den Menschen in der Region zeigen, dass die Verbrechen der NS-Zeit auch unmittelbar vor ihrer Haustür stattgefunden haben", so Bartelheimer.

Nach der Besichtigung der Ausstellung zeigte Volker Raudszus den Gästen das Gelände der Klinik.

Rosemarie Dizner wollte sich durch ihren Besuch über das Krankenhaus in ihrem Wahlkreis informieren. "Ich war das letzte Mal vor 34 Jahren zur Geburt meiner Tochter im Krankenhaus", sagte sie und klopfte dreimal auf den Holztisch. "Wir müssen uns für die ärztliche Grundversorgung in Stadt und Land einsetzen."