Osterwiecks Industriegeschichte ist seit dem 20. Jahrhundert vor allem mit der Gleitlagerherstellung verbunden. Bis zu 1000 Menschen hatten hier zu DDR-Zeiten Arbeit. Friedrich Döppelheuer war damals Betriebsdirektor, später angestellter Geschäftsführer und mit 55 Jahren nochmal Jungunternehmer. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

Osterwieck/Berßel. "Jede Zeit hatte ihre Reize, aber auch ihre Probleme", blickt Friedrich Döppelheuer zurück. Dabei ist er auch heute, mit 70, immer noch berufstätig, hat die Gleitlager noch nicht aus der Hand gelegt. "Ich fühle mich fit genug. Aus dem operativen Geschäft habe ich mich aber zurückgezogen." Sohn und Tochter haben seit 2004 die Geschäftsführung der Gleitlager und Metallverarbeitung GmbH inne.

Als Friedrich Döppelheuer 1941 als siebtes von acht Kindern und letzter von sechs Jungs auf dem elterlichen Bauernhof in Berßel geboren wurde, gab es schon das Osterwiecker Gleitlagerwerk. Es war 1939 gegründet worden. Döppelheuers Weg dorthin war nicht vorgezeichnet. Die Eltern waren Landwirte, und er wollte Düsenjägerpilot werden.

Nach der Lehre zum Maschinenbauschlosser bei Richard Fricke in Berßel meldete er sich deshalb 1958 freiwillig für zwei Jahre zur Armee. Der Pilotentraum platzte aber schnell – und er begann in Magdeburg an der Ingenieurschule Maschinenbau zu studieren. Vom Elektromotorenwerk Wernigerode delegiert, kehrte er nach dem Studium 1964 als junger Ingenieur dorthin zurück.

1966 schaute sich der junge Familienvater nach einer anderen Arbeit um. Das Gleitlagerwerk stellte ihn als Fertigungstechnologen ein. "So konnte ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Ein Auto hatte ich nicht."

"Ich gehe immer davon aus, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben."

Im Gleitlagerwerk brach gerade eine neue Zeit an. Direktor Albert Nöthling ging in den Ruhestand. Es liefen die Vorbereitungen für den Bau einer England-Anlage – damit sind Maschinen aus England gemeint. In der Halle sollten Gleitlager für neuentwickelte Fahrzeugmotoren der Lkw W 50 produziert werden.

Das Osterwiecker Werk war in der DDR Gleitlager-Alleinhersteller für Nutzfahrzeuge. Dazu gehörten die W 50 aus Ludwigsfelde, die Traktoren aus Schönebeck, Mähdrescher, Multicar sowie Robur aus Zittau. Für Pkw produzierten die Osterwiecker erst ab 1988, als Trabant und Wartburg mit Viertaktmotoren von Volkswagen bestückt wurden.

Friedrich Döppelheuer durchlief unter dem neuen Direktor Karl-Gustav Ihle mehrere Fachbereiche und stieg zum Haupttechnologen auf. Über ihm gab es immer noch acht Fachdirektoren. Um so überraschender kam für ihn 1980 die Anfrage vom Kaderchef des Kombinates, das Werk als Direktor zu übernehmen. Anfangs skeptisch, sagte er zu. "Ich gehe immer davon aus, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben."

Doch die schwierigste Zeit sollte ihm noch bevorstehen: die politische Wende. Die Freude über die D-Mark wich bald der Ernüchterung. "Niemand dachte an das Problem, dass man sich dem Markt stellen muss." Wer wollte jetzt noch Trabant, Wartburg oder W 50 kaufen?

Kompliziert waren anfangs auch die internen Umstrukturierungen innerhalb des Kombinates Wälzlager und Normbauteile. Man wollte eine Aktiengesellschaft gründen und sich durch einen Westbetrieb übernehmen lassen. Doch für den Bestand des Gleitlagerwerkes sah Döppelheuer darin eine Gefahr, weil Gleitlager nichts mit Wälzlagern zu tun haben.

Der Osterwiecker Betrieb wurde aus dem Kombinat entlassen und suchte eigenständig nach einer Lösung für die Zukunft. Friedrich Döppelheuer war 1990 verpflichtet, den volkseigenen Betrieb in eine GmbH umzuwandeln. Alleiniger Gesellschafter wurde die Treuhand. Doch viele Aufträge waren schon weggebrochen, die Insolvenz drohte.

Die Treuhand setzte Döppelheuer als Geschäftsführer ein. "Ich wollte zunächst keine Leitung übernehmen. Als alter Betriebsdirektor war ich anfechtbar." Doch die Treuhand machte ihm klar, dass das Gleitlagerwerk mit seiner Produktion so speziell sei, dass es aus dem Westen kein Manager weiterführen würde.

Der Auftrag, den Betrieb zu privatisieren, war für Döppelheuer auch in anderer Hinsicht schwierig. "1991 musste ich an einem Tag 330 Entlassungen unterschreiben."

Döppelheuer führte zig Kaufverhandlungen mit deutschen und ausländischen Unternehmen. Letztlich zeigte der englische Glacier-Konzern Interesse. Zum 1. Januar 1992 übernahm er den Betrieb und verpflichtete sich, 186 Mitarbeiter für drei Jahre zu beschäftigen. Die Engländer setzten Friedrich Döppelheuer als Geschäftsführer ein.

"1991 musste ich an einem Tag 330 Entlassungen unterschreiben."

"Das Problem war, die 186 Leute produktiv beschäftigen zu können. Die Arbeit hätte auch ein Bruchteil der Leute machen können." Mitunter verzweifelte der Chef an den bürokratischen Strukturen eines Konzerns. Aufträge durfte er nicht akquirieren, Osterwieck sollte nur für Volkswagen und Audi produzieren. "Ich hatte im Konzern keine Chance, etwas zu bewegen oder zu verändern. Ich musste mehr Berichte schreiben als zu DDR-Zeiten."

Nach den drei Jahren verkündeten die Engländer 1995 das Aus des Osterwiecker Betriebes. Zu teuer sei die Produktion, sie sollte nach Schottland geholt werden. Zum 30. Juni 1996 wurde auch Döppelheuer arbeitslos.

Er hätte sich mit nunmehr 55 Jahren in den Vorruhestand verabschieden können, entschied sich aber für die Selbständigkeit – als Jungunternehmer. Zusammen mit seinem langjährigen Qualitätschef Karl-Otto Schattenbeg wurde zum 8. Juli 1996 die Gleitlager und Metallverarbeitung GmbH gegründet. Anfangs arbeiteten hier zehn, zwölf Leute. 2004 übernahmen Döppelheuers Kinder Astrid und Heiko die Geschäftsführung. Um die 50 Leute sind hier heute beschäftigt. "Wir sind ein Nischenproduzent." Schätzungsweise 500 verschiedene Gleitlagertypen mag es heute geben. Durchgezählt hat sie niemand.

Die Selbständigkeit hat Döppelheuer nie bereut, wie er sagt. "Obwohl sie nicht einfach ist. Wer denkt, selbständig sein heißt, ich kann golfen und sechs Wochen in die Karibik fahren, der irrt. Man hat eine soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern."

Auch mit 70 Jahren will sich Friedrich Döppelheuer, der nach wie vor auf dem elterlichen Hof in Berßel lebt, noch nicht zur Ruhe setzen. "Solange ich den Kindern helfen kann." Und auch ein ganz anderes Vorhaben hat er nach so vielen Jahren erlebter Gleitlagerwerk-Geschichte noch nicht aus den Augen verloren. "Wenn ich mal Zeit habe, werde ich darüber ein Buch schreiben."