Halberstadt wird zur Kunstmetropole. Zumindest für einen Monat. Mit kleinem Budget und viel Engagement haben Künstler aus ganz Europa die erste Biennale der Domstadt auf die Beine gestellt.

Halberstadt l Halberstadt eine Kunststadt? Ja, sagt Ilka Leukefeld. "Halberstadt hat eine große Geschichte in der Kunst." Einer der ersten Kunstvereine Preußens gründete sich in der Domstadt, die Galerie St. Florian und kritische Ausstellungen in der Martini-Kirche waren zu DDR-Zeiten zu besichtigen. Das ist das, was einst war. Ilka Leukefeld möchte mit zahlreichen Kollegen aus ganz Europa die Kunststadt Halberstadt wieder beleben. Die Künstlerin, die selbst aus Halberstadt stammt, kuratiert die erste Biennale in der Stadt, die den Titel "Zeitgenössische Menagerie visueller Philosoph_innen" trägt. Vom 6. September bis 5. Oktober werden Künstler an vielen Orten der Stadt ihre Werke zeigen. Meist handelt es sich um Installationen und Performances, aber auch Malerei und Fotografie sind Teil des Kunstmonats.

Marsha Dunstan gehört zu den Fotografinnen, die in Halberstadt ausstellen. Die gebürtige Australierin lebt und arbeitet in London. Zur Biennale wird sie Bilder aus dem Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf zeigen. Dort wurden moderne Hochhäuser aus Glas und Stahl auf den Mauern der alten Docks aus dem Industriezeitalter gebaut. Marsha Dunstan hat sich dort auf die Suche nach der Vergangenheit gemacht, wo sich die Geschichte im Wasser spiegelt, wie sie sagt. Mit Orangen beschäftigt sich Pippa Gatty. Die Künstlerin aus Schottland arbeitet mit deren Schalen in verschiedenen Zerfallsstadien.

Ein besonderer Gast ist Alexander Kluge. "Dass er sich beteiligt, hat mich besonders gefreut", sagt Kuratorin Leukefeld. Kluge wird sich in der Badeanstalt mit einer Installation von Interviews aus seinem Online-Kanal DCTP-TV beteiligen.

Den Ort der Kluge-Installation, die Städtische Badeanstalt, werden im Laufe des Monats weitere Künstler als Ausstellungsraum nutzen. Mit seinem morbiden Charme, den halbverfallenen Bädern und den geheimnisvollen Nebenräumen ist das Gebäude wie gemacht für die Nutzung als Ausstellungsraum und lohnt für sich schon einen Besuch.

"Wir hatten das Ziel, die Künstler zu bezahlen."

Ilka Leukefeld, Kuratorin

Vor allem mit der Finanzierung hatten die Organisatoren der Biennale zu kämpfen. "Wir hatten das Ziel, die Künstler zu bezahlen", sagt lka Leukefeld. Doch Förderanträge bei diversen Einrichtungen blieben erfolglos. Geld kam am Ende durch eine Crowdfunding-Aktion zusammen: 7000 Euro trugen Internetnutzer zusammen. Weitere 5000 Euro erhielt der Verein Monatskunst Halberstadt, der die Biennale organisiert, aus Lottomitteln. Mit diesen Geldern waren aber Gagen und die Schaffung einer Stelle nicht mehr möglich. Die Stadt Halberstadt unterstützt das Projekt ebenfalls, wegen der Haushaltslage allerdings nicht mit Geld. Stattdessen können städtische Räume genutzt werden, und Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) hat die Schirmherrschaft übernommen.

Auch von Privatpersonen und Unternehmen wird die Biennale unterstützt. So dienen die Rathauspassagen als Ausstellungsort, und Händler geben Lebensmittel für die Suppenküche, die täglich von 13 bis 14 Uhr alle Mitwirkenden im Kunsthof mit Essen versorgt.

Eine Besonderheit ist das Begleitheft zur Biennale. Für vier Euro ist es am Bahnhof, in der Buchhandlung Schönherr, bei der Stadtinformation und an den Ausstellungsorten erhältlich. Der Clou: Das Heftchen dient als Fahrschein für Busse und Bahnen in Halberstadt, und das während des gesamten Monats der Biennale.

Dass das Begleitheft nur als Fahrkarten-Schnäppchen genutzt werden könne, sei Absicht, sagt Ilka Leukefeld. "Wir wollen auch Leute ansprechen, die nicht schon ein Interesse an Kunst haben." Wer sich das Heftchen nur wegen der Fahrkarte kauft, werde trotzdem früher oder später darin blättern und vielleicht etwas entdecken.

"In Halberstadt ist noch mehr möglich."

Rebekka Prell, Fotografin

Für die Mitorganisatorin und Fotografin Rebekka Prell ist die Biennale auch eine Chance für Halberstadt. "Wernigerode hat viel Kultur zu bieten. Aber die Kunstszene dort ist eher brav. In Halberstadt ist noch mehr möglich." Die Biennale sei auch ein Versuch, die Stadt attraktiver zu machen.

Eröffnet wird die Schau am Sonnabend, dem 6. September, um 11 Uhr in der Galerie im Kunsthof. Johannes Rieger, Musikdirektor am Nordharzer Städtebundtheater, wird mit einer John-Cage-Performance den Auftakt geben. Von der Galerie startet danach ein Spaziergang zu den anderen Ausstellungsorten der Stadt. 12.30 Uhr stoppt er in der Rathauspassage, 13 Uhr in der Dominikanerstraße 17, 13.20 Uhr in der Badeanstalt und endet um 14.40 wieder im Kunsthof in der Voigtei 48. Interessierte können an der gesamten Tour teilnehmen, sie aber auch jederzeit verlassen oder neu hinzustoßen.

Nicht zufällig sprechen die Organisatoren von der ersten Biennale in Halberstadt. Geht es nach deren Plänen, werden dem Kunstmonat weitere folgen. "Beim nächsten Mal muss es aber eine Förderung geben", sagt Ilka Leukefeld. Schließlich müssten auch Künstler von etwas leben können.