Eine Frau im Rollstuhl bewegt mehrere Halberstädter, etwas zu tun. Dank des Einsatzes von Claudia Meyer ist die Stadt ein kleines Stück barrierefreier.

Halberstadt l "Als der erste Bagger hier stand, war ich ganz stolz auf mich", sagt Claudia Meyer und schaut dabei doch etwas verlegen. Die 35-Jährige sitzt seit Kindertagen im Rollstuhl und hat jetzt einige Männer in Bewegung gebracht. Gestern wurde der Erfolg ihrer Bemühungen öffentlich gewürdigt.

Die Halberstädterin ist Fußballfan mit Leib und Seele. Das hat sie von ihrem Vater, erzählt sie. Der hat lange aktiv gespielt, dann war er als Schiedsrichter unterwegs. Seine Tochter ließ sich infizieren vom Fußball-Virus und möchte das nicht mehr missen. Auch, weil es ihr half, nach der in die Arbeitslosigkeit mündende Lehre nicht in ein tiefes seelisches Loch zu fallen.

Regelmäßig ist sie von ihrer Wohnung am Hohen Weg in Richtung FSZ und Friedensstadion unterwegs. Sie treibt selbst regelmäßig Sport, ist im Basketball aktiv. Als Fußballfan lässt sie sich kein Heimspiel "ihrer Germanen" entgehen und versucht, so oft es geht bei den Auswärtsspielen dabei zu sein. Auch bei so mancher Trainingseinheit wissen die Spieler ihren "Super-Fan", wie sie "ihre Claudi" nennen, auf der Tribüne.

Die gelernte Bürofachkraft macht dabei aus ihrem Herzen keine Mördergrube, weder bei Punktspielen noch beim Training. Seit sie ein Megafon vom Team geschenkt bekommen hat, ist sie gut auf dem Platz zu hören. "Oja, wir hören sie sehr wohl. Und ehrlich, solche Fans brauchen wir", sagt Jan Nagel. "Sie ist da, egal wie das Wetter ist und egal, auf welchem Tabellenplatz das Team steht." Gemeinsam mit Bruder Pascal und dem ehrenamtlichen Geschäftsführer der Fußball-GmbH, Christian Mokosch, ist der Regionalliga-Spieler in die Westerhäuser Straße gekommen.

Hier warten schon Stadtwerke-Geschäftsführer Bodo Himpel, Tiefbauamtsleiter Manfred Wegener, Claudia Meyer und Günter Siebold. Der hat als geschäftsführender Gesellschafter der Tiefbaufirma ABG sofort zugesagt, das Anliegen von Claudia Meyer zu unterstützen. In Absprache mit der Stadt wurden vier Bordsteine abgesenkt, damit Rollstuhlfahrer künftig einfacher den Gehweg nutzen können. "In der Klusstraße fährt es sich ganz gut, aber hier war es vor allem bei Nässe wirklich gefährlich, die Klopstockstraße zu queren", erzählt Claudia Meyer.

Sie hatte bei einem Spiel der Germanen Bodo Himpel angesprochen. "Weil ich wusste, das ist der richtige Mann dafür", sagt sie und muss grinsen, als der Stadtwerkechef das Lob abwiegeln will. "Ich habe in unserem langjährigen Auftragnehmer Günter Siebold einen Partner gefunden, der sofort davon überzeugt war, dass dieser Einsatz sinnvoll ist. Gemeinsam mit seinem Unternehmen hat er auch persönlich einen Beitrag geleistet, dass wir die Bordsteine absenken konnten", berichtet Himpel.

"Und für uns war es eine gute Gelegenheit, gleich noch einen Regenwassereinlauf höher zu setzen", ergänzt Tiefbauamtschef Wegener. "Hier an der Einmündung der Klopstock- in die Westerhäuser Straße stand nach Regenfällen regelmäßig eine große Pfütze. Das ist nun vorbei. Es war eine vernünftige Zusammenarbeit", kommentiert Manfred Wegener gewohnt nüchtern das Geschehen.

Emotionaler ist da schon Claudia Meyer, als sie betont, die ganze Sache nicht aus Eigennutz in Gang gebracht zu haben. "Das habe ich nicht für mich getan. Hier kommen viele Rollifahrer lang. Und auch für die Schieberollis wird es jetzt einfacher, man muss sie nicht mehr ankippen, um gefahrlos vom Gehweg über die Straße und den Bahnübergang zu gelangen", sagt sie. "Außerdem nutzen das Stadion und das FSZ auch viele andere Behindertensportler, da sollte der Zugang nicht nur im Stadion selbst barrierefrei sein", sagt Claudia Meyer überzeugt.

Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) gibt zu, dass die ganze Aktion an ihm vorbeigegangen ist, "das läuft auf Arbeitsebene reibungslos", so Henke. Aber er freue sich darüber, dass auf diese Weise wieder ein Schritt in Richtung barrierefreie Kommune getan worden sei. "Vor allem durch unsere Teilnahme am Landeswettbewerb hat das Thema Barrierefreiheit in Politik, Verwaltung und Wirtschaft mehr Aufmerksamkeit gefunden. Und es ist ein Thema, das mehr und mehr an Bedeutung gewinnt", betont Henke.