Die Mitglieder des Heimatvereines von Dingelstedt haben Überlebende und Zeitzeugen des Unglücks von Mönchhai vor 70 Jahren zu einem Treffen der Erinnerung eingeladen. Zwei Frauen, die das Unglück überlebt haben, berichten.

Dingelstedt l In der Nacht vor dem Termin hat Annaliese Lau nur sehr schlecht geschlafen. Alles sei wieder hoch gekommen, sagt die 88-jährige, die als Zeitzeugin beim Treffen der Opfer des Unglücks von Mönchhai teilnimmt.

Annaliese Lau war damals 16 Jahre alt. Sie war zwangsverpflichtet worden und musste jeden Tag von Dersheim nach Mönchhai kommen, um in der Heeresmunitionsanstalt zu arbeiten. "Freiwillig war keiner von uns da", sagte sie.

Auch an jenem 21. September 1944 hat sie im Arbeitshaus Nummer 1 gearbeitet. "Es war fünf vor neun, wir wollten eben zum Frühstück gehen, da hat es geknallt. Tische seien zusammengebrochen, dann sei die Decke eingestürzt. "Alles war so heiß." Annaliese Lau sei bei dem Unglück sehr schwer verletzt worden. "Ich war schwarz und völlig verbrannt." Ein halbes Jahr habe sie im Krankenhaus zugebracht und große Narben zurück behalten.

Soldatenlieder

"Und dennoch habe ich großes Glück gehabt", sagt sie. "Meine Freundinnen haben es nicht geschafft." Mehr Glück als Annaliese Lau hatte Irma Tappe. Sie habe zum Zeitpunkt des Unglücks in einer anderen der insgesamt vier Hallen gearbeitet, erzählt sie. Die hochbetagte Seniorin hat es sich trotz ihrer 101 Jahre nicht nehmen lassen, zum Treffen der Erinnerung nach Dingelstedt zu kommen. Auch sie habe nie freiwillig in der Mönchhai gearbeitet. Sechs Jahre lang sei sie von Athenstedt nach Mönchhai gekommen, im Sommer mit dem Fahrrad, im Winter zu Fuß.

Die Arbeit in der Munitionsanstalt sei schwer gewesen, die Arbeiterinnen wurden streng bewacht und durften die Hallen nicht verlassen. "Wir hatten nicht viel zu lachen, sagt Annaliese Lau. "Nur Soldatenlieder durften wir singen." Lediglich die Geburtstage hätten die Arbeiterinnen immer miteinander gefeiert und sogar Kuchen mitgebracht, erinnert sich Irma Tappe.

Kriegsverbrecherinnen?

Völlig unverständlich ist für beide Zeitzeuginnen, dass ihre Arbeit bei der Munitionsanstalt trotz Zwangsverpflichtung nie bei der Berechnung der Rente eine Rolle gespielt habe. Weder in der DDR, noch nach der Wende sei diese Zeit berücksichtigt worden. Regelrechte Beschimpfungen als Kriegsverbrecherinnen hätten sie erdulden müssen. "Über diese Ungerechtigkeit bin ich traurig", sagt Annaliese Lau. "Ich habe geblutet und gelitten." Sie wisse von vergleichbaren Fällen aus den alten Bundesländern, wo zugunsten der Arbeiterinnen entschieden worden sei.

Neben den beiden Zeitzeuginnen sind auch einige Neugierige in das Dorfgemeinschaftshaus nach Dingelstedt gekommen, um etwas mehr über die Ereignisse vor 70 Jahren zu erfahren.

Klaus Marscheider war 1944 sieben Jahre alt und hat mit seiner Familie in Mönchhai gewohnt. Zum Zeitpunkt des Unglücks habe er sich mit seinem Vater vor dem Haus befunden. "Ich erinnere mich noch genau an die Druckwelle, die mich auf den Hosenboden gerissen hat. Erst danach gab es einen ohrenbetäubenden Knall."

Zu diesem Treffen der Erinnerung an das Munitionsunglück von Mönchhai hatte der Heimatverein von Dingelstedt eingeladen. "Wir haben uns mit diesem Thema schon seit einiger Zeit beschäftigt", erklärt Ernst Mahler, der Vorsitzende des Vereins. "Anlässlich der 70. Wiederkehr des Unglücks haben wir die Grabanlage auf dem Friedhof in Dingelstedt wieder hergerichtet, den Gedenkstein gesäubert und die Inschriften erneuert."

Noch viele Fragezeichen

Hinter dem Kapitel der Heeresmunitionsanstalt als Teil der Dingelstedter Heimatgeschichte stehen auch heute noch einige Fragezeichen. Die ehemalige Lehrerin Ingrid Schmädig beschäftigt sich schon lange mit diesem Thema.

So habe sie die Namen aller 59 Opfer, die beim Unglück gestorben sind, gesucht, gefunden und zusammengefasst. In der anlässlich der 950-Jahr-Feier von Dingelstedt erschienenen Festschrift, an der Ingrid Schmädig mitgearbeitet hat, finden sich einige Seiten mit Texten über die Heeresmunitionsanstalt und den Ereignissen von 1944.

Um die noch offenen Fragen zu beantworten, sollen die lebenden Zeitzeugen noch einmal gezielt befragt werden. Das Wissen von Zeugen wie Annaliese Lau und Irma Tappe sei sehr wichtig und müsse bewahrt werden, sind sich die Mitglieder des Heimatvereins sicher.

   

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