Er ist der letzte Leiter der Osterwiecker Polizeistation gewesen. Am Mittwoch hatte Christian Weißel seinen letzten Arbeitstag vor dem Ruhestand.

Osterwieck l Seine drei Sterne auf der Schulter muss man sich denken. Kriminalhauptkommissar Weißel besitzt keine Uniform, sondern kam 36 Jahre lang in Zivilsachen zum Dienst. So lange arbeitet er bei der Kriminalpolizei, und das (fast) immer am Harz. Wer ihn sprechen hört, ahnt aber, dass seine Wurzeln im Norden liegen. Auf Usedom. Nach der Schlosserlehre auf der Wolgaster Werft kam er nach Halberstadt zur Armee, lernte hier in den drei Jahren seine Frau kennen - und wurde in der Kreisstadt sesshaft.

Dass es ihn dienstlich eines Tages nach Osterwieck verschlagen würde, hätte er nie zu träumen gewagt. 2012, als sein Vorgänger Günter Rickmann nach 27 Jahren in den Ruhestand ging, übernahm er hier die Leitung. "Ich bin wohl am kürzesten Stationsleiter gewesen", sagt Weißel. Vor allem aber ist er der letzte Leiter der Polizeistation Osterwieck, die immerhin seit 1748 besteht und damit als älteste zumindest in Sachsen-Anhalt gilt. Nun bekommt die Dienststelle einen anderen Namen, heißt Außenstelle des Polizeireviers Harz und hat keinen Chef mehr. Das Sagen wird wohl der Dienstranghöchste der jeweiligen Schicht haben. Christian Weißel sieht aber die wer-weiß-wievielte Polizeireform für Osterwieck durchaus positiv. Das Haus ist wieder rund um die Uhr besetzt. 17 Beamte haben hier ihren Einsatzort, darunter auch zwei Kriminalisten.

"Daran haben die Osterwiecker einen entscheidenden Anteil", unterstreicht Weißel und schaut durchs Fenster hinüber zum Rathaus. Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) und Ortsbürgermeister Ulrich Simons (CDU) an der Spitze hatten sich lautstark für den Verbleib der Polizei in der Ilsestadt eingesetzt. Überhaupt habe es eine "super Zusammenarbeit und kurze Wege" zur Stadtverwaltung gegeben.

Bis der Weg den Kriminalisten nach Osterwieck verschlug, hat er viele Stationen bei der Harzer Polizei durchlaufen. Nach dem Studium in Aschersleben und Dresden war er für Kfz-Delikte zuständig. "Von Autos war damals kaum die Rede. Bevorzugt wurden Mopeds gestohlen, das war schon enorm", blickt er zurück. Was Autos betraf, hatten es die Langfinger auf Zubehör abgesehen. Auf Außenspiegel zum Beispiel. "Die waren ja nur angeschraubt. Und es gab keine zu kaufen."

Die Mangelwirtschaft in der DDR bescherte ihm auch genug zu tun im Bereich Gaststätten- und Handelskriminalität. Wenn zum Beispiel im Großhandel für Delikatläden bestimmte Paletten mit Ananas- oder Mandarinenbüchsen gestohlen wurden. "Eine Büchse Ananas kostete zwölf DDR-Mark. Das war viel Geld."

Als aufregend bezeichnet Christian Weißel die Nachwendezeit, in der die Polizisten fast zwei Jahre Ungewissheit hatten, ob sie im Dienst bleiben dürfen. Etwa drei Viertel der Kriminalisten seien übernommen worden, schätzt er. Weißel wechselte weiterhin immer mal wieder die Fachbereiche. Während der Expo 2000 in Hannover war er als einer von 16 Pressesprechern der Polizei tätig. Für ihn im Rückblick eine herausragende Aufgabe. Verbunden auch mit Praktika bei der Bild-Zeitung und der Hannoverschen Allgemeinen. "Seitdem verstehe ich die Journalisten besser." Mit dieser Erfahrung war er danach auch zeitweise Pressesprecher der Polizei in Quedlinburg. 2007 übernahm er als Leiter das Revierkommissariat Thale, seine letzte Station, bevor es nach Osterwieck ging.

Hier in der Fachwerkstadt hatte er sich schnell eingelebt. "Der Menschenschlag ist sehr angenehm, sehr freundlich", sagte er. "Hier gibt es noch eine Polizei zum Anfassen, und das schätzen die Leute. Sie kommen auch mal in der Station vorbei und sprechen uns an. Das macht das Arbeiten hier sehr angenehm."

An seinen letzten Arbeitstag wird Christian Weißel übrigens nun jährlich erinnert werden. Am Mittwoch ist er zum zweiten Mal Opa geworden. Und so wird der Ruhestand wohl nicht so ruhig werden.