Halberstadt (sc) l "Ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel fand nach 1989 hauptsächlich im Osten statt, also bei uns", sagt Johanna Jäger, Schauspiel-Dramaturgin am Nordharzer Städtebundtheater. Das war für die Theaterleute anlass, sich künstlerisch und in einer Gesprächsreihe mit Wende, Mauerfall und Wiedervereinigung auseinanderzusetzen. "1989/1990 war zwar das Ende der DDR, aber nicht der Lebensgeschichten derjenigen Menschen, die in der DDR lebten", sagt die junge Dramaturgin. Das offizielle Erinnern und der starre Blick auf den Abend des 9. Novembers 1989 unterschlage oft die großen Unterschiede, wie dieses Ereignis in den einzelnen Orten und von den Menschen dort wahrgenommen wurde, welche Folgen das hatte. "Für Vieles, was heute den Alltag in Halberstadt und Quedlinburg bestimmt, war 1989 nicht das Ende, sondern der Anfang", sagt Jäger, deshalb wollen die Theatermacher in der aktuellen Spielzeit nachfragen: Wohin hat sich das Blatt hier in 25 Jahren gewendet? Was wurde aufgebrochen, was brach ab? Was entwickelte sich und was brach ein?

"Die Wende ist nur der Ausgangspunkt unseres Nachdenkens. Für uns stehen eher die Hoffnungen, Wünsche, Ereignisse und Ergebnisse der letzten 25 Jahre, also die Nachwende-Zeit im Vordergrund", so Jäger. In insgesamt fünf Gesprächen an den Orten des damaligen Geschehens wird der Wiederaufbau von Halberstadts Altstadt, der Denkmalschutz in Quedlinburg, das langsamste Musikstück der Welt und die Lebenswege der Zu- und Weggezogenen betrachtet. Es ist Zeit, ein Resumee zu ziehen, was die Bürger dieser Städte auch nach 1989 geleistet und wie sie den Wandel ihrer Welt erlebt haben.

In der Gesprächsreihe, die die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt unterstützt, kommen nicht nur geladene Gäste zu Wort. Wer mag, kann sich an einer anonymen Umfrage beteiligen, die Umfragezettel gibt es an den Theaterkassen. Die anonymen Beiträge werden in die Gespräche mit einbezogen.

Das dritte Gespräch der Reihe widmet sich am Donnerstag, dem 5. Februar, ab 19.30 Uhr im Herrenhaus des Burchardiklosters dem Thema "Große Kunst in der Kleinstadt - Wie das John-Cage-Orgel-Kunstprojekt nach Halberstadt kam".

Vor dem Gespräch bietet Rainer O. Neugebauer um 19 Uhr eine Führung zum John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt an. Er wird exklusiv einen Einblick in das langsamste Musikprojekt der Welt geben.

Zum Gespräch im Herrenhaus um 19.30 Uhr wird Intendant Johannes Rieger ein Werk von John Cage auf präpariertem Klavier zu Gehör bringen.

Im Herrenhaus begegnen die Gäste der einmaligen Geschichte, warum das Cage-Projekt ausgerechnet nach Halberstadt kam und wie sich eine Schar engagierter Bürger für den Fortbestand dieses Vorhabens einsetzt. Das Projekt verschafft Halberstadt immer wieder internationales Renommee. Doch nur vergleichsweise wenige Halberstädter nehmen dieses moderne Kunstprojekt überhaupt wahr. Olaf Wegewitz, Künstler und Gründer des Kunstvereins Röderhof, wird mit seinen Erfahrungen Einblicke geben in die Chance und die Mühen, die "Kunst ohne Metropole" macht.