Die Flüchtlingswelle stellt Halberstadt vor Herausforderungen. In der ZASt leben ständig zwischen 800 und 1000 Personen. Einige Initiativen haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Asylbewerbern zu helfen und sie willkommen zu heißen.

Halberstadt l Die ZASt, die zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber, gebe es in Halberstadt nicht erst seit Kurzem, sagt Friedrich Wegner, Pfarrer der Liebfrauengemeinde. Eine ZASt habe es bereits zur Zeit Friedrich Wilhelms von Brandenburg gegeben, der mit seinem Edikt von Potsdam die Basis für eine Einwanderungswelle ins strukturschwache Preußen legte. Die ankommenden Flüchtlinge wurden damals in Halberstadt aufgenommen.

Heute stammen die Flüchtlinge zum Beispiel aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten und Afrika. Wie man diese Menschen in der Stadt aufnimmt, ist Gegenstand vieler Diskussionen, angefangen bei der Aufstellung von Hinweisschildern auf die ZASt.

Über die Willkommenskultur gegenüber den Asylbewerbern haben jüngst Engagierte im Umfeld von Diakonie und evangelischer Kirche Bilanz gezogen und einen Ausblick auf die zukünftige Arbeit gewagt.

"Wie heißen wir eigentlich Menschen willkommen?", fragt Superintendentin Angelika Zädow. In Halberstadt geschieht dies zum Beispiel mithilfe von Freiwilligen, die am Bahnhof ankommende Flüchtlinge in Empfang nehmen und ihnen den Weg in die abgelegene ZASt zeigen. Diakonie-Mitabeiter Christopher Bänecke will das Angebot ergänzen und arbeitet derzeit an einem Stadtplan, auf dem für Asylbewerber interessante Orte markiert sind. Welche Orte das sein werden, soll sich in Gesprächen mit den Bewohnern der ZASt herausstellen.

Derweil hat die Stadt vor allem mit Vorurteilen gegenüber den Flüchtlingen zu kämpfen. Friedrich Wegner möchte das ändern - mit Musik. Am 25. April wird es in der Liebfrauenkirche ein erstes Konzert aus der Reihe "Musizieren mit Flüchtlingen" geben. "Wir möchten das Positive, das diese Menschen mitbringen, erfahrbar machen", sagt Friedrich Wegner. Dass zu diesen Konzerten keine stumpfen Rassisten und Neonazis erscheinen werden, ist dem Pfarrer bewusst. Wegners Zielgruppe seien vielmehr diejenigen, die mit falschen Eindrücken und Vorurteilen beladen sind. "Das Problem liegt in der Breite der Bevölkerung", sagt Wegner, und: "Wir wollen vor allem die Guten erreichen."

Menschen mit Vorurteilen möchte auch Angelika Zädow mit einer Diskussionsveranstaltung ansprechen. Ausgangspunkt ist die Halberstädter Erklärung, ein Dokument, dass sich für Vielfalt und gegen Fremdenhass ausspricht. Diese Selbstverständlichkeit des menschlichen Miteinanders lässt sich via Mausklick unterstützen, oder auch nicht. 71 Prozent stimmten per Online-Voting bereits für die Erklärung, aber immerhin 29 Prozent dagegen.

Unter anderem diese 29 Prozent möchte Angelika Zädow bei der geplanten Diskussionsrunde ansprechen. Es sei urmenschlich, Fremdes erst einmal zurückzudrängen, sagt die Superintendentin und ergänzt: "Menschen machen sich eigene Bilder aus der Unkenntnis heraus."

Begegnung sei wichtig, um Vorurteile und Hass zu überwinden, sagt Christopher Bänecke. "Pegida läuft da, wo es keine Begegnungsorte gibt." Bänecke organisiert unter anderem Workshops mit Schülern. In Schwanebeck habe er mit einer Klasse eine Ausgrenzungssituation simuliert. Auf einen Teil der Gruppe habe er permament in Russisch unverständlich eingeredet, ein anderer Teil sei demonstrativ privilegiert worden. Jetzt plant Bänecke, Menschen aus der ZASt in solchen Workshops mit Halberstädtern in Kontakt zu bringen.

Doris Dankemeier vom Jugendmigrationsdienst der Diakonie organisiert Sprachunterricht für die Zugezogenen. Aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer in der ZASt wende sich der Unterricht allerdings vor allem an diejenigen, die in Halberstadt sesshaft geworden sind. Drei Lehrerinnen würden derzeit Schüler zwischen der 2. und 12. Klasse in deutscher Sprache unterrichten. An drei Tagen in der Woche sind die Kinder und Jugendlichen insgesamt 20 Stunden in den Kursen, in der restlichen Zeit besuchen sie eine Regelschule.

Um ganz praktische Dinge geht es in der Kleiderkammer der Diakonie. Hier habe es eine große Hilfsbereitschaft der Halberstädter gegeben, sagt Christina Schäfer. Der Andrang sei aber so groß, dass nicht mehr alle versorgt werden könnten, zudem gebe es räumliche und personelle Probleme.

Eine Alternative wäre eine ausgelagerte Kleider- und Spendenkammer vor Ort in der ZASt, sagt deren Leiter Eckhardt Stein. Sein Haus nennt er "Hotel ohne Stern". Wenn an Stammtischen behauptet wird, Asylbewerber würden dort im Luxus leben, dann ärgert ihn das. "In den Zimmern stehen einfache Stahlspinde, ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl", sagt Stein. Mehr gibt es nicht. Der starke Flüchtlingsandrang sorgt derweil für Probleme. Die Zimmer seien dauernd belegt, wenn ein Bewohner die ZASt verlasse, würde sofort ein neuer das Bett belegen, sagt Stein.

Stein verweist auf die Möglichkeit, die ZASt zu besuchen und sich ein eigenes Bild von dem angeblichen "Luxus" in der Einrichtung zu machen. Interessierte könnten sich über die Kirchen-Gemeinden für einen Besuch anmelden.

Trotz der Probleme mit Fremdenfeindlichkeit ist Angelika Zädow guter Dinge. Die Stadt habe eine lange aufklärerische Tradition, die könne sich nun wieder entwickeln. Letztlich könne eine Willkommenskultur auch dem Image Halberstadts nutzen, sagt Christopher Bänecke.

Dass sich Flüchtlinge schon heute angstfrei in Halberstadt bewegen könnten, davon zeigt sich Angelika Zädow überzeugt.