Sehenswürdigkeiten in der Region und Fachgespräche mit Vertretern aus der Branche – das gehörte zum Programm der Tourismus-Experten aus dem Bundestag. CDU- und CSU-Parlamentarier richteten ihre 14. Klausurtagung in Sachsen-Anhalt aus – einen Themenschwerpunkt bildete der Harz.

Halberstadt/Wernigerode. Was bleibt nach der anderthalbtägigen Harzreise in den Köpfen der Parlamentarier? Marlene Mortler, Chefin der Touristik-Arbeitsgruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, scherzt: "Hier bei Ihnen ist wirklich viel passiert, es gibt hier aktuell auch viel weniger Schlaglöcher als in meiner fränkischen Heimat."

Das Selbstbewusstsein der Menschen in Sachsen-Anhalt hat die Abgeordnete beeindruckt, dieses "Wir sind wer, wir können etwas." Mortler betont: "Wir nutzen diese Reisen stets, um ganz genau zuzuhören, um etwas zu lernen."

Als die CSU-Frau das sagt, hat die kleine Delegation bereits den Domschatz in Halberstadt bewundert, das älteste Riesenweinfass bestaunt, Wernigeröder Baumkuchen gekostet und will gerade zur Dampflok-Schnupperfahrt mit der Harzer Schmalspurbahn durch Wernigerode starten, und eine Besichtigung des Wernigeröder Schlosses steht der Delegation auch noch bevor.

Sieht so eine "Klausurtagung" aus? Die Chefin der Tourismus-Arbeitsgruppe meint im Volksstimme-Gespräch ja und bekennt: "Es gibt in der Politik auch mal weichere Themen. Das bedeutet nicht, dass diese deswegen unwichtig sind." Mortler verweist auf das bundesdeutsche Plus bei Gästeübernachtungen von drei Prozent auf 380 Millionen im Vorjahr: "Der Tourismus sichert 2,8 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland, diese Jobs kann man nicht exportieren."

Die anfangs siebenköpfige Arbeitsgruppe hat sich bereits in der Lutherstadt Wittenberg umgesehen, sich mit der entstehenden touristischen Seenlandschaft um Bitterfeld-Wolfen vertraut gemacht und in Freyburg über Weinberge, Kultur und Urlaub diskutiert.

"2010 noch mit blauem Auge davongekommen"

Gespräche führen die Politiker auch im Harz: Die wirtschaftliche Situation von Hoteliers und Gastronomen sind ein Thema, das Angebot von regional erzeugten Produkten ein anderes. Dehoga-Präsident Frank Doepelheuer listet Zahlenkolonnen auf, die belegen: Sachsen-Anhalt ist allenfalls Mittelmaß, wird nach der Kaufkraft der Bevölkerung und den Umsätzen der heimischen Betriebe gefragt. Dramatisch, so der Dehoga-Chef, seien die Verluste im ersten 2010er-Geschäftshalbjahr ausgefallen, danach wurde es soweit besser, "dass wir mit einem blauen Auge davongekommen sind".

5800 Betriebe im Land bieten 25 000 Arbeitsplätze – und sich untereinander einen erbitterten Preiskampf. Doepelheuer zufolge gibt es "Komfortzimmer" bereits ab 49 Euro die Nacht. Doch nicht der stets Billigere werde auf Dauer erfolgreich sein, sondern der Bessere, gibt er sich zuversichtlich. Darum vergebe die Dehoga die weithin anerkannten Hotel-Sterne, darum unterstütze man Angebote zur besseren Servicequalität.

Den Parlamentariern dankt er für die auf sieben Prozentpunkte gesenkte Umsatzsteuer, dies habe "vielen Betrieben in extrem schwierigen Zeiten wirklich geholfen". Zudem würde diese finanzielle Entlastung tatsächlich dafür genutzt, um in die Hotels und Gaststätten zu investieren; laut Dehoga würden sich diese Projekte für 2010/11 auf landesweit 6,5 Millionen Euro summieren.

"Kredite für Gastronomen oft ein großes Risiko"

Geld und Investitionen – ein Kerngeschäft eines öffentlich-rechtlichen Bankhauses. Für die Harzsparkasse betont Werner Reinhard, man sei ein wirtschaftlich starkes Haus. Deswegen übernehme man im Kreditgeschäft "wirklich eine sehr große Verantwortung". Der Vorstandschef äußert sich mit Verweis auf sensible Kundendaten nur vorsichtig, dennoch eindeutig. Mit 40 Millionen Euro engagiere sich die Sparkasse in der Harzer Gastronomie, zwei Drittel dieser Kredite wiesen Summen von bis zu 200 000 Euro auf. Offen bekannte der Banker, "ja, dieses Geschäft ist oft auch mit großen Risiken behaftet".

Zum Thema Risiko und Zahlen informierte Chris Schöne vom "Jagdschloss Spiegelsberge", sein Haus setze ganz bewusst auf regionale Produkte im Speisen- und Getränkeangebot. Allerdings, die Kaufkraft der Gäste mache es schwer, Brände aus dem Huy für 5 bis 7 Euro oder Weine vom Harzer Weingut für 20 bis 30 Euro mit großem Erfolg zu verkaufen.

Schöne räumte zugleich ein, oftmals würden die Harzer Gastronomen die Angebote der heimischen Erzeuger gar nicht kennen. Er wünschte sich, dass diese offensiver auf die Gastronomie zugingen und beispielsweise "Probewochen" anböten.

In dieser Frage kündigte der Hotel- und Gaststättenverband an, dass es in vier Regionen des Landes – darunter im Harz – Veranstaltungen mit dem Ziel geben werde, Erzeuger und Gastronomen zusammenzubringen.

Sachsen-Anhalts Jugendherbergen, vor allem im Harz, können auf ein erfolgreiches Urlaubsjahr 2010 verweisen. Für den Landesverband hat Burkhard Fieber in Wernigerode nur positive Zahlen zu melden. Dabei sind nicht nur die preiswerten Übernachtungsangebote entscheidend, auch Fragen der Familienfreundlichkeit und spezielle Angebote einzelner Häuser mit Schwerpunkten auf Natur oder Musik, schätzt Fieber ein. Trotz mehrfacher Nachfrage bekräftigt er, Klagen privater Seminaranbieter etwa über eine unlautere Konkurrenz durch Angebote seiner Herbergen gäbe es nicht.

"Der Westharz ist ein Beispiel für das Scheitern"

Dass Jugendherbergen durchaus auch existenzielle wirtschaftliche Probleme bekommen können, zeigten Beispiele aus dem niedersächsischen Harz. Dort, so Fieber, sind die Häuser in Bad Lauterberg, Clausthal-Zellerfeld und Osterode geschlossen worden.

Ingbert Liebing ist als früherer Sylter Bürgermeister mit Tourismusfragen vertraut. Jetzt als Bundestagsmitglied bekennt er: "Für viele, die sich mit dem Thema befassen, steht der Westharz beispielgebend für eine Region, die die Entwicklung verpasst hat." Das Wort "verschnarcht" macht die Runde. Dringend notwendige Investitionen seien zu lange hinausgezögert worden, und dann kam die von Grund auf modernisierte Konkurrenz aus dem Ostharz auf den Markt.

Wernigerodes Oberbürgermeister sagt, dieses Image erschwere die Suche nach Investoren für Schierke. Für international erfolgreiche Hotelketten "steht ein Engagement im Harz gar nicht zur Debatte". Es bedürfe einer gehörigen Portion Überzeugungsarbeit und Hartnäckigkeit, um die Stärken der Region hervorzuheben – die sehr wohl eine Chance auf ein erfolgreiches Geschäft böte, so Peter Gaffert. Allerdings, so die Forderung von Landrat Michael Ermrich, das Land müsse sich viel stärker zu seiner Urlaubsregion Nummer 1 bekennen. Im Marketing, bei Themenkampagnen und regionalen Schwerpunkten "findet der Harz einfach nicht statt, obwohl wir 40 Prozent des landesweiten Tourismus hier bei uns in der Region vorweisen können". Das stimme nicht, wirft Bärbel Pieper als Geschäftführerin des Landes-Tourismusverbandes ein: "Wir haben doch die Straße der Romanik, davon profitiert auch der Harz …"